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Weil der Mensch ein Mensch ist ...
Unter diesem Motto findet am 30. April 2002 wieder
- der inzwischen bereits traditionelle - Tag der Arbeitslosen statt.
Die AUGE und die Wiener Grünen thematisieren dieses Jahr den
steigenden Druck auf ArbeitnehmerInnen. Wesentlicher Grund dafür:
die ausufernden Arbeitszeiten.
Von Markus Koza.
Martin Bartenstein, morgens Wirtschaftsminister,
abends Arbeitsminister, weiß, was Unternehmer wünschen:
laut dachte er eine Verlängerung der täglich zulässigen
Arbeitszeit auf zwölf Stunden an, ebenso laut eine Ausdehnung
der Ladenöffnungszeiten. Äußerst laut meldet sich
auch die Wirtschaftskammer zu Wort: Sie fordert zum x-ten Male eine
Lohnnebenkostensenkung ein, ist der Wirtschaftsstandort Österreich
doch in Gefahr. Und gezahlt habe die Wirtschaft jetzt einmal zur
Budgetsanierung genug. Jetzt will Leitl wieder was zurück.
Und wenn die Arbeitszeiten weiter flexibilisiert werden, kann das
für den Wirtschaftsstandort auch nur günstig sein.
Realität Arbeitszeitverlängerung
Der ÖGB lehnt eine weitere Ausdehnung der Arbeitszeit ab,
bietet doch das Arbeitszeitgesetz aus dem Jahre 1997 "den Unternehmen
jeglichen Spielraum für Arbeitszeitverhandlungen mit der Belegschaftsvertretung"
(Zehn Argumente für den Standort Österreich, ÖGB,
2002). Offensiv ist das nicht, vielmehr eine Kapitulation vor der
gesellschaftlichen Realität. Und die schaut für die Beschäftigten
recht arbeitsreich aus.
In den WSI-Mitteilungen 04/2001 der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung
wird eine Studie der "European Foundation for the Improvement of
Living and Working Conditions" aus dem Jahre 1998 zitiert, die sich
mit Arbeitszeiten und Zeitwohlstand im internationalen Vergleich
auseinandersetzt. Zeitwohlstand wird vom Autor Manfred Garhammer
als "Basiselement der Lebensqualität" angesehen. Zeitwohlstand
umfasst als wesentliches Element der Lebensqualität die Verfügung
über individuelle Zeitressourcen und -spielräume im Privat-,
Arbeits- und im öffentlichen Leben, sowie die Einbindung in
Zeitinstitutionen und kollektive Rhythmen. Die Arbeitszeit nimmt
bei der Frage, wie Zeitwohlstand nun verteilt ist eine zentrale
Stellung ein.
Innerhalb fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften findet
nicht nur eine Polarisierung zwischen Reich und Arm statt, sondern
auch zwischen jenen, die über Zeitüberfluss verfügen
und jenen, die unter Zeitnot leiden. Die wahrgenommene Zeitnot differiert
stark zwischen Geschlecht und Alter: Frauen leiden mehr darunter
als Männer, Jüngere mehr als Ältere. Ist ein Kind
zu betreuen, nimmt unabhängig von diesen Faktoren die Zeitnot
zu, ebenso mit dem Rang in der beruflichen Hierarchie und mit dem
persönlichen Einkommen. So ergab eine GfK-FOCUS Studie aus
dem Jahr 1999 in der BRD, dass mit steigendem Einkommen die Zeitnot
zunimmt. Besonders Erwerbstätige mit einem Einkommen von 3000
bis 3500 Euro monatlich berichten von der meisten Zeitnot. Liegt
das Einkommen höher, geht die Zeitnot wieder zurück, was
vor allem darauf zurückzuführen ist, dass höhere
Einkommensklassen "Zeit durch Geld" kaufen können, etwa durch
den Zukauf von Dienstleistungen (DienstbotInnengesellschaft). Ein
privater Internetzugang und der Besitz eines Handys tragen ebenfalls
zu mehr Zeitnot bei.
In sämtlichen industrialisierten Staaten ist eine Ausdehnung
der wöchentlichen Arbeitszeiten feststellbar. In der Studie
der European Foundation wird die durchschnittliche Wochenarbeitszeit
der voll Erwerbstätigen (wöchentliche Arbeitszeit liegt
über 35 Stunden, Unselbständige und Selbständige)
innerhalb der EU mit 44 Wochenstunden angegeben. Interessant sind
die einzelnen Länderergebnisse: die niedrigste wöchentliche
Arbeitszeit haben die Dänen mit durchschnittlich 41,4 Stunden.
In Dänemark arbeiten lediglich 11,7 Prozent der voll Erwerbstätigen
mehr als 48 Stunden wöchentlich. Auch in den restlichen skandinavischen
Staaten liegt die Arbeitszeit unter dem EU Schnitt (Finnland 42,1
Stunden, Schweden 43,7 Stunden). Deutlich mehr gearbeitet wird in
Großbritannien (45,5 Stunden, 21,5 Prozent der voll Erwerbstätigen
arbeiten mehr als 48 Stunden), Irland (45,8 Stunden, 23,8 Prozent
über 48 Stunden) und - Österreich.
Österreich liegt mit durchschnittlich geleisteten 46,6 Wochenstunden
(stolze 25,8 Prozent der voll Erwerbstätigen arbeiten über
48 Stunden) tatsächlich im Spitzenfeld Europas. Nur in Griechenland
wird noch mehr geschuftet (49,3 Wochenstunden, unter anderem zurückzuführen
auf den hohen Anteil an Selbständigen, 37,7 Prozent über
48 Stunden). Auch wenn jene, die mehr als 48 Stunden arbeiten vor
allem unter den Selbständigen, Landwirten und leitenden Angestellten
zu suchen sind, bleibt doch eine erkleckliche Zahl unselbständig
Beschäftigter über, die ebenfalls 48 Stunden und mehr
arbeiten müssen (u. a. Berufe mit nachgefragten Qualifikationen).
Jedenfalls spricht eine durchschnittliche Arbeitszeit von über
46 Wochenstunden klare Worte: sowohl die gesetzliche Arbeitszeit
von 40 Stunden, als auch die in vielen Kollektivverträgen vereinbarten
38,5 Wochenstunden sind schon lange nicht mehr betriebliche Praxis.
Überarbeit hier, Atypisierung da
Vom "Ende der Arbeitsgesellschaft", das schon so viele postmoderne
Propheten heraufdämmern sahen, kann daher keine Rede sein.
Kapitalistische Wirtschaften beruhen nun mal auf Benutzung und Ausbeutung
von Arbeitskraft und können auch gar nicht anders funktionieren.
Wird einerseits der Exploitationsgrad durch Arbeitszeitverlängerung
erhöht, wird andererseits an der Demontage des bestehenden
Normalarbeitsverhältnisses gearbeitet. Und so geht mit der
systematischen Arbeitszeitverlängerung auch eine systematische
Arbeitszeitverkürzung einher - etwa durch Atypisierung.
Bereits jede Fünfte arbeitet Teilzeit. Die Durchschnittswerte
der Wochenarbeitszeit sagen daher immer weniger über die tatsächliche
Verteilung der Arbeit und damit von Zeitnot und -wohlstand aus.
Die durchschnittliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen - also
auch jener, die Teilzeit arbeiten - liegt bei 39,7 Stunden. Hinter
dem Durchschnitt verbirgt sich eine starke Streuung: 18 Prozent
der Erwerbstätigen arbeiten Teilzeit, 31 Prozent in der Normalarbeitszeit
bis einschließlich 40 Wochenstunden, 41 Prozent über
40, 18 Prozent davon über 48 Stunden wöchentlich.
Das neue Leitbild der Arbeit prägen die Angestellten und Selbständigen
der New Economy: "Es sind meist nicht durch Familie gebundene, mobile
und karrierebewusste Menschen, die diesen Lebensstil in einer bestimmten
Lebensphase pflegen. An ihm werden zunehmend ArbeitnehmerInnen gemessen,
die sich ihre Arbeiten, ohne auf die Differenz von Regelarbeitszeit
und Überstunden zu achten, nicht so freiwillig wie diese Lebensstilgruppierungen
herausgesucht haben. Die Verbreitung von Internet und Handy scheint
nicht nur eine Quelle von Zeitnot im Alltag zu sein, die New Economy
ist auch ein Trendsetter für den kulturellen Wandel in der
Bewertung der Arbeit: Unbezahlte Mehrarbeit wird tendenziell zur
generellen Erwartung." (WSI Mitteilungen 04/2001, S. 235) Auch bei
"normalen" Beschäftigten übertreffen die tatsächlichen
die registrierten Überstunden. Jahresarbeitszeitkonten (in
der BRD laut ISO 1999 bereits bei 37 Prozent der Beschäftigten
verbreitet) kommen dem Ideal nahe, Arbeit nur in dem Umfang abzurufen,
wie sie für die wechselnde Auftragslage gebraucht wird. So
werden Überstunden auf Zeitkonten zwar gutgeschrieben, aber
weder bezahlt noch durch Freizeit entgolten: So sind etwa bei Daimler-Chrysler
1999 1,1 Millionen Überstunden verfallen, in der ganzen BRD
waren es 0,8 Stunden jede Woche je Beschäftigten.
Der extensiven Nutzung von Arbeit in bestimmten Branchen bzw. Berufen
gegenüber stehen Beschäftigte, die regelmäßig
nur bis zu fünfzehn Stunden wöchentlich arbeiten. In Deutschland
stieg der Anteil dieser oft geringfügig Teilzeitbeschäftigten
von 1990 bis 1998 von drei Prozent auf sechs bis acht Prozent. In
Österreich waren 1998 knapp über 200.000 ArbeitnehmerInnen
weniger als elf Stunden (6,7 Prozent der unselbständig Erwerbstätigen)
beschäftigt. Europäische Spitze sind Großbritannien
und die Niederlande, gefolgt von der BRD. Auch Österreich dürfte
- hinsichtlich geringfügig Beschäftigter - "Spitze" sein.
Geringfügig Beschäftigte sind meist verheiratete Frauen,
StudentInnen, SchülerInnen und PensionistInnen: "Sie erfüllen
die Funktion des disponiblen Teils der Arbeitsmarktreserve. Eine
solche Beteiligung am Erwerbsleben schafft weder die Basis für
eine eigene Erwerbs- und Rentenbiographie noch andere Ansprüche,
die im Normalarbeitsverhältnis abgesichert sind. Aus diesen
Gründen ist der geringe Umfang bezahlter Arbeit auch kein Indikator
für Zeitwohlstand, eher umgekehrt." (WSI-Informationen 04/2001,
S. 235).
Tatsächliche und Wunscharbeitszeit
Ein weiterer Grund für den zunehmenden Verlust an Zeitwohlstand
ist die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse. Nach der
ISO-Studie 1999 haben bereits 85 Prozent der bundesdeutschen Beschäftigten
flexible Arbeitszeiten. Diese Flexibilisierung ist jedoch überwiegend
fremdbestimmt: lediglich siebzehn Prozent der flexibel Beschäftigten
können überwiegend Dauer und Lage der Arbeitszeit selbst
bestimmen, bei ArbeitnehmerInnen niedrigerer Qualifikation nur dreizehn
Prozent. "Auch die Auflösung des geregelten Feierabends und
freien Wochenendes trägt zu weniger Zeitwohlstand bei. Der
positive Effekt von im Durchschnitt kürzeren Arbeitszeiten
für mehr Zeitwohlstand ist also vermutlich durch die von den
Betrieben damit verknüpfte Flexibilisierung überkompensiert
worden." (ebd., S. 232) Klagten 1991/92 noch 25 Prozent der Beschäftigten
darüber, unter Zeitdruck zu stehen, waren es Ende der neunziger
Jahre bereits 46 Prozent. Laut ISO 1999 gaben 17 Prozent an immer,
32 Prozent oft unter Zeitdruck zu stehen. Überproportional
betroffen sind Berufstätige in flexiblen Arbeitszeiten (53
Prozent) und die, die länger als 45 Wochenstunden arbeiten
(79 Prozent). "Für die letzteren kumulieren sich Belastungen
aus flexiblen und langen Arbeitszeiten, so dass überdurchschnittlich
Gesundheitsschwierigkeiten berichtet werden." (ebd., S. 232)
Der Wunsch nach einer Verkürzung der Arbeitszeit wächst
daher bei immer mehr Beschäftigten. So wünschen in Irland
etwa 45 Prozent der Erwerbstätigen zumindest fünf Stunden
pro Woche weniger arbeiten zu müssen, in Österreich 39
Prozent. Im gesamten Europäischen Raum liegt der Anteil der
Erwerbstätigen, die eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit
um mindestens fünf Stunden möchten, bei 35 Prozent. "Diese
Zahlen widersprechen der Annahme, dass der Trend zu längeren
Arbeitszeiten auf einen entsprechenden Einstellungswandel in der
Arbeit zurückgeht. Im Gegenteil: mehr als früher fällt
der Wunsch mit der Realität auseinander, was auf Hindernisse
verweist, die der Realisierung der Präferenzen entgegenstehen,
z. B. in den Erwartungen der Unternehmensleitungen an Karriere und
Verantwortlichkeit ihrer Angestellten" (ebd., S. 237). Zeitnot und
Arbeitsdruck sind derartig belastend, dass sogar ein Lohnverzicht
hingenommen würde. In "male breadwinner" Beziehungen (Mann
arbeitet Vollzeit, Frau Teilzeit) ist der Wunsch von Männern,
ihre Arbeitszeit zu verkürzen besonders ausgeprägt. Auch
niederländische, dänische oder britische Paare wollen
gemeinsam deutlich weniger arbeiten (Österreichische Paare
um 5,1 Stunden!). Gleichzeitig ist bei Teilzeitbeschäftigten
(insbesondere im Falle von Unfreiwilligkeit) der Wunsch nach längeren
Arbeitszeiten vorhanden (in der BRD möchten etwa Vollzeitbeschäftigte
3,7 Stunden weniger arbeiten, Teilzeitbeschäftigte dagegen
2,9 Stunden mehr). Ein Verteilungsproblem.
Arbeitszeitverkürzung muss wieder Thema werden
Wie bereits erwähnt, sind die tatsächlich geleisteten
Arbeitsstunden weit von den gesetzlichen bzw. kollektivvertraglichen
Regelungen entfernt. Ein Faktum ist jedoch feststellbar: Staaten,
die Schritte zu einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung vorgenommen
haben, liegen in der wöchentlich geleisteten Arbeitszeit deutlich
unter dem EU-Schnitt - Frankreich etwa, oder Dänemark. Am Beispiel
Dänemark (bei allen Problemen der direkten Vergleichbarkeit)
lässt sich auch der emanzipatorische Charakter einer allgemeinen
Arbeitszeitverkürzung erkennen: "In Dänemark wurde es
etwa vielen Frauen durch die flächendeckende Verkürzung
der Arbeitszeit von 40 auf 37 Stunden möglich, nun mehr den
verkürzten Vollzeitstandard zu arbeiten. Gleichzeitig arbeiten
die teilzeitbeschäftigten Frauen heute eher dreißig Wochenstunden
als noch, wie zehn Jahre zuvor, zwanzig Wochenstunden. Die Verkürzung
der Arbeitszeit der Männer hat sicherlich auch dazu beigetragen,
die häusliche Arbeitsteilung und das Erwerbsverhalten der Frauen
zu verändern." (WSI-Informationen, 04/2002, S. 223)
Eine gesetzliche Arbeitszeitverkürzung hat also zumindest
drei Effekte: ein mehr an Zeitwohlstand, eine gerechtere Verteilung
von Arbeit sowie ein Aufbrechen traditioneller Geschlechterrollen.
Dazu sind selbstverständlich auch die entsprechenden Rahmenbedingungen
eine Voraussetzung, etwa eine gesellschaftliche Infrastruktur zur
Kindererziehung. Gerade den geschlechterspezifischen Aspekt gilt
es besonders zu betonen, zementieren doch marktmäßig
zugekaufte häusliche Dienstleistungen nicht nur die Geschlechterrollen
(praktisch ausschließlich Frauen als Beschäftigte), sondern
führen auch zum Entstehen eines Niedrigstlohnsektors, der insbesondere
auch die ethnische Segmentierung des Arbeitsmarktes verfestigt (hoher
Prozentsatz an MigrantInnen im "DienstbotInnen"bereich).
Das Thema Arbeitszeitverkürzung ist also wieder aktuell. Arbeitszeitverkürzung
kommt unmittelbar den Menschen in Beschäftigungsverhältnissen
zugute. Arbeitszeitverkürzung ist ein Mittel, wieder mehr an
Zeitsouveränität zurückzugewinnen. Denn schließlich
gibts wirklich Besseres zu tun als lohnarbeiten. Denn schließlich
ist ja der Mensch Mensch ....
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