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Österreich GesmbH & Co KG?
Bill Gates kam, sprach und ging. Karl-Heinz Grasser
kam, sprach und blieb. Leider.
Von Markus Koza.
Ganz Österreich spricht von Haider:
der besuchte eine Massenmörder und sprach ihm die herzlichsten
Grüße des österreichischen Volkes aus. Die zwei
Herren verstehen sich, fühlen sie sich doch permanent als Opfer
irgendwelcher Verschwörungen, seien diese nun freimaurerisch,
jüdisch (bzw. zionistisch), amerikanisch-ostküstig (was
letztlich wieder nur ein Synonym für jüdisch oder zionistisch
ist) oder einfach auch nur international. Des weiteren sieht Haider
die Aufenthaltsgenehmigung des Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes
Adamovich auslaufen, redet wieder am Aschermittwoch diverses sonstiges
rechts-rechtes bierdunstiges Gewäsch daher ... Nein, diesesmal
solls nicht um ihn gehen. In all dem Medientamtam ging eine Aussage
seines Finanzministers unter, die eigentlich mehr an Aufmerksamkeit
verdient hätte, als die üblichen Haiderschen Pein- und
Unmöglichkeiten.
Bill Gates war da und sprach zu Österreich. Grasser wollte
da natürlich um nichts nachstehen und hielt ein Co-Referat.
Die APA titelte: "Weniger Sozialstaat, mehr Unternehmertum". Grasser:
"Wir müssen uns fragen, was Private besser machen können."
Nun, fragen wird frau/man schon einmal dürfen, die Antworten
werden naturgemäß unterschiedlich ausfallen. Wenn Grasser
zum Schluss kommt, dass das "Unternehmertum im Staat forciert werden
müsse", werden wir dementsprechend zu einem anderen Schluss
kommen. Grasser verspricht das Unmögliche: "Wenn alles so bleiben
soll, muss es sich verändern", spricht er in seiner ihm so
eigenen Logik. Er ortet die Defizite in den Bereichen Kapitalmarkt,
Forschung und Entwicklung, Wettbewerbsfähigkeit und bei Bildungseinrichtungen.
Dagegen lobt er eine "sehr gute Beschäftigung" (recht tollkühn
bei steigenden Arbeitslosenzahlen), den sozialen Frieden (der trotz
Änderungen bitte so bleiben soll wie er ist) und die gute Infrastruktur
(trotz Forstinger?). Allerdings gingen derartige Wettbewerbsvorteile
rasch verloren (insbesondere nach zwei Jahren blau-schwarz) und
müssten "täglich nachgebessert werden" (na also, ein guter
Tag beginnt mit einem ausgeglichen Budget oder so in der Art!).
Österreich liegt gemessen an seiner Wettbewerbsfähigkeit
in Europa auf Platz Acht - wird behauptet. Das ist ihm aber zu wenig,
er will Europas Nummer Eins werden, neue Benchmarks setzen. Für
2010 peilt er eine Abgabenquote von vierzig Prozent des BIP an.
Da fehlen dem Staatssäckel dann zwischen siebzehn und zwanzig
Milliarden Euro, die er aber durch Kostensenkungen wettmachen will.
Allein durch die Verwaltungsreform sollen nicht nur 1,5 Milliarden
Euro, sondern auch fünfzehntausend Beschäftigte eingespart
werden. Das Unternehmen Österreich soll blühen.
Das Gespenst vom Staat als Unternehmer geistert schon seit einigen
neoliberalen Jahren in den Köpfen so mancher PolitikerInnen
und neoliberaler ÖkonomInnen. Christoph Leitl, der Präsident
der WKÖ sprach etwa davon, dass die "Firma Österreich"
durchleuchtet werden müsste, denn es "... darf nicht sein,
dass ein Drittel der EU-Mitglieder Budgetüberschüsse erzielen,
wir das aber nicht zusammenbringen." (Der Standard, 13. Dezember
1999)
Im Kurswechsel 2/2000, der Zeitschrift des BEIGEWUM (Beirat für
Gesellschafts-, Wirtschafts- und Umweltpolitische Alternativen,
eine Vereinigung von linken ÖkonomInnen) wird die neue Unternehmensideologie
hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf staatliche Wirtschaftspolitik
näher untersucht. Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung
sehen die AutorInnen in der Transformation des traditionellen keynesianischen
Wohlfahrtsstaates zum "nationalen Wettbewerbsstaat" (Joachim Hirsch).
Durch die neoliberale Deregulierung der Weltökonomie (Liberalisierung
der Finanz- und Kapitalmärkte, ökonomische Integration
- etwa durch den europäischen Binnenmarkt oder durch die NAFTA,
die nordamerikanische Freihandelsassoziation) stehen die Regierungen
immer mehr unter dem (selbstverschuldeten) Druck, die Kapitalverwertungsbedingungen
ihres "Standorts" zu optimieren und damit für das global flexible
Kapital attraktiv zu bleiben. Sie handeln dabei wie klassische Unternehmen:
sie versuchen durch Kostensenkungen "Wettbewerbsvorteile" gegenüber
ihren KonkurrentInnen zu erzielen und ihre Positionen am (Welt)Markt
auszubauen. Wettbewerbsvorteile verschaffen sich Staaten einerseits
durch eine unternehmensfreundliche Steuerpolitik, durch die Privatisierung
von staatlichem Eigentum zur Attraktivierung des "Finanzstandorts"
und um in- und ausländischen VermögensbesitzerInnen (wobei
hier die geschlechtsneutrale Schreibweise eher irreführend
ist, ist doch Reichtum nach wie vor überwiegend männlich)
Veranlagungsmöglichkeiten zu bieten. Andererseits werden "Kosten"
gesenkt, etwa Sozialleistungen oder öffentliche Ausgaben.
Da derartige Maßnahmen in der Regel auf Widerstand breiter
gesellschaftlicher Gruppen stoßen, findet als ideologischer
Überbau die Verklärung des "Unternehmers" als neues Leitbild
gesellschaftlichen und individuellen Handelns statt. Jede soll ihre
eigene UnternehmerIn sein. Im Zentrum dieser Ideologie steht das
nutzenmaximierende Individuum. Diese Individuum handelt rational,
selbstbestimmt, frei, so wird es uns zumindest vermittelt. Sozialstaatliches
Handeln wird als einengend, unmodern und freiheitsberaubend angesehen,
Marktwirtschaft, Unternehmergeist und Konkurrenz als modern, befreiend
und effizient. So wird die neue ArbeitnehmerIn ohne soziale Absicherung
eben zur "neuen Selbstständigen" statt zum potentiellen Armutsopfer.
Um den Staat wettbewerbsfähig zu machen, wird an die Bevölkerung
appelliert: liebe ArbeitnehmerInnen, seid zurückhaltend bei
euren Lohnforderungen, sonst wandern die Betriebe ab. Liebe BürgerInnen
habt Verständnis für das Nulldefizit, koste es, was es
wolle, denn sonst sind eure Pensionen nicht mehr finanzierbar. Liebe
BürgerInnen helft dem Staat beim sparen, denn auch ein Unternehmen
oder ein Haushalt kann nicht unbegrenzt Schulden machen, usw. wir
kennen es ja. Nun hat zwar die Unternehmenspropaganda wenig mit
Unternehmensrealität zu tun (frau/man denke nur an die zahlreichen
Konkurse, und dem Ruf der ach so effizienten Privatwirtschaft nach
dem Staat, wenn ihr einmal an den Kragen geht), seine Wirkung verfehlt
sie aber nicht.
Kommen wir zurück zum Staat als Unternehmer. Wie bereits erwähnt,
hat jedes privatwirtschaftlich agierende Unternehmen das Ziel Kosten
zu senken - also Profite zu maximieren - um Wettbewerbsvorteile
gegenüber anderen MitbewerberInnen zu erzielen. Der Staat als
Unternehmen etwa möchte seine Anteile am Weltmarkt erhöhen,
in dem er seine Exporte steigert, seine Importe verringert. Um wettbewerbsfähig
zu bleiben und den Marktanteil zu erhöhen, müssen die
Kosten gesenkt werden, um den Erfordernissen des globalen Preiswettbewerbs
entsprechen zu können. Ein wesentlicher Kostenbestandteil machen
seit jeher die Löhne und Gehälter aus. Also findet ein
Druck auf die Löhne statt. Nur: nicht alle Staaten können
bei diesen Preiswettlauf gewinnen. Die Exportüberschüsse
des einen Landes müssen die Importüberschüsse des
anderen sein. Durch den gleichzeitigen Lohndruck in allen Wettbewerbsstaaten
sinkt gleichzeitig die Inlandsnachfrage, die Massenkaufkraft. "Im
Gefolge des Neoliberalismus hat sich ein Neomerkantilismus (eine
Politik die auf hohe Exporte und geringe Importe abzielt, Anm.)
entwickelt, welcher das Inland trotz der Außenhandelsverflechtungen
isoliert analysiert und die Maximierung der Nettoexporte (Differenz
zwischen Exporten und Importen, Anm.) - zu Gunsten des Inlandseinkommens,
aber auf Kosten der Auslandseinkommen - propagiert. Die Gefahr besteht
nun darin, dass auch der nationale Wachstumsprozess eben durch Leistungsbilanz-,
Einkommens- und Kaufkraftungleichgewichte gebremst wird: Aus kritischer
Sicht beeinträchtigt Polarisierung der Verteilung und Bremsung
der Massenkaufkraft nämlich die Gemeinwohlkomponente der globalen
Wohlfahrt. Aus dem erhofften Positivsummen-Spiel kann also ein Negativsummen-Spiel
werden." (Bartel in Kurswechsel 2/2000, S. 95) Die mangelnde Massenkaufkraft
breiter Bevölkerungsschichten war jedoch gerade ein Grund für
die große Weltwirtschaftskrise 1929. Und auch heute zeigt
sich das Versagen neoliberaler Politik: die anhaltende, schwere
Rezession, in der wir derzeit stecken ist nicht zuletzt auf diese
exportorientierte Politik zurückzuführen. Wie ist es sonst
erklärbar, dass EU-Europa, dessen Handel zu neunzig Prozent
zwischen den Mitgliedsstaaten stattfindet, in eine derartige Rezession
fällt, wenn es in den USA einmal wirtschaftlich kriselt? Budgetsanierungen
in allen EU-Staaten sowie eine zurückhaltende Lohnpolitik bei
gleichzeitigem Auseinanderklaffen der Einkommensschere haben die
Krise noch verschärft. Oder in anderen Worten: wenn Amerika
hustet, bekommt Europa die Grippe.
Zwei weitere Aspekte zum "Unternehmen Staat" seien noch erwähnt.
Nachdem der Staat wie eine gewinnmaximierende Firma agieren soll,
müssen auch andere Barrieren fallen, die wettbewerbshemmend
sind: etwa Umwelt- und Sozialnormen. Ein Unternehmen trägt
in der Regel nur die Kosten, die im Rahmen des eigenen Produktionsprozesses
entstehen. Andere Kosten - etwa Umweltschäden, Arbeitslosigkeit,
Gesundheitsschäden - werden externalisiert, die Gesellschaft
muss sie tragen. Staatliche Regulierungen, die versuchen, diese
Kosten zumindest teilweise den Unternehmen zu verrechnen, etwa durch
Umweltauflagen oder Lohnnebenkosten (Arbeitslosenversicherung, Kranken-
oder Pensionsversicherungen) stellen somit einen Wettbewerbsnachteil
dar, die den Wirtschaftsstandort gefährden. Unternehmen drohen
ja schließlich täglich mit der Auslagerung der Produktion
in Regionen, die weniger strenge bis gar keine Umwelt- oder Sozialauflagen
haben. Dieses Drohgebären, das meist gar keinen realen Hintergrund
hat hat auch meist Erfolg. Es findet also wieder eine Rückübertragung
der gesamten Kosten auf die Allgemeinheit statt, die dann die Folgen
für einen ruinösen Wettbewerb zu tragen hat. Profitmaximierung
und soziale bzw. ökologische Verantwortung vertragen sich eben
nicht.
Kommen wir zuletzt zum Demokratieaspekt: Unternehmen werden in
der Regel autoritär geführt. Die Firmenleitung wird von
den EigentümerInnen eingesetzt, die mehrwertproduzierenden
ArbeitnehmerInnen haben kaum etwas mitzureden. In modernen Demokratien
werden die Regierungen demokratisch, von den BürgerInnen gewählt.
Ist in privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen schon kaum
Platz für Demokratie, wird es auch im neoliberalen Wettbewerbsstaat
immer enger. In einem Staatswesen, das sich dem "Unternehmensgeist"
verpflichtet fühlt wird der "wohlfahrtspolitische Aktivismus,
der gesamtgesellschaftlich verantwortlichen, überbetrieblich
ausgerichteten Hoheitsinstanz Staat fortschreitend von einem betriebswirtschaftlich
orientierten Managerismus der Politik aufgelöst. Dadurch leidet
die "Statesmanship" und die ureigensten Funktionen des Staates werden
nicht mehr vollständig erfüllt. Ökonomische Effizienz
ist eben per se nicht auch soziale Effizienz." (Bartel in Kurswechsel
2/2000, S 99) Eine neoliberal orientierte Politik drängt immer
mehr Menschen an den sozialen Rand, marginalisiert sie. Ökonomisch
starke Gruppen können ihre Bedürfnisse stärker und
besser artikulieren und organisieren als einkommensschwache. Möglichkeiten
der Partizipation, der Teilhabe am demokratischen Prozess für
sozial benachteiligte Gruppen werden damit zunehmend beschnitten.
Ein wettbewerbsorientierter Staat setzt auf Eliten, die ihn an die
Weltspitze führen und versucht Kosten, die wettbewerbshemmend
wirken zu reduzieren. Es findet eine Umverteilung von unten nach
oben statt. Steigende soziale Ungleichheiten und daraus resultierende
Verteilungskonflikte verlangen nach mehr Repression, um den "sozialen
Frieden" zu erhalten. Und diese Entwicklungen sind auch beobachtbar.
Unternehmensgeist, schön in Floskeln der Freiheit verpackt,
mit dem positiven Begriff der Effizienz klingt eben besser als autoritäre
Wende in Staat und Gesellschaft. Und das macht Grasser nicht weniger
gefährlich als Haider. Und das, ganz ohne Bierdunst.
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