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Was Reichtümer vermögen
Österreich ist ein reiches Land, sowohl
in Bezug auf Einkommen und Vermögen als auch (noch) in Bezug
auf öffentliche Leistungen und vorhandene Sozialstandards.
Aus der Presseunterlage zur zweiten Österreichischen Reichtumskonferenz
von Christine Mayrhuber.
Österreich zählt heute zu einem
der reichsten Länder der Welt und es wird immer reicher. Schon
heute beträgt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf 352.0001)
ein weiterer Anstieg ist prognostiziert. Reichtum bedeutet aber
mehr als Geld und Geldvermögen. Neben Besitz und Vermögen
kommt der Reichtum eines Landes etwa auch im intellektuellen Kapital
- also im Wissen und Können der Menschen - und in hohen Sozialstandards
(zum Beispiel im Gesundheitssystem) zum Ausdruck.
Besitz und Vermögen
In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft entsteht Einkommen und
damit Reichtum durch die Entlohnung der Produktionsfaktoren Arbeit,
Kapital, Land und Unternehmenstätigkeit. Löhne, Miete
und Pacht, Zinsen und Gewinne bilden in makroökonomischer Sicht
das Volkseinkommen. Dabei kam es in den letzten Jahrzehnten zu deutlichen
Veränderungen:
Die Vermögenserträge auf den Finanzmärkten und im
Grund- und Immobiliengeschäft führten zu einer Dämpfung
der Investitionen ins Realkapital (Maschinen und Anlagen). Lag 1976
der Anteil der Investitionen am Volkseinkommen bei 24,2 Prozent
und der Anteil der Gewinne bei 27,7 Prozent, stieg letzterer bis
1998 auf 33,8 Prozent an. während die Investitionsquote auf
23,9 Prozent sank. Dies führte tendenziell zu einem gebremsten
Wachstumsprozess und damit zu einer Verschlechterung der Arbeitsmarktlage.
In den vergangenen Jahrzehnten ist der Lohnanteil am Volkseinkommen
deutlich zurückgegangen und zwar von 72,3 Prozent 1976 auf
66,2 Prozent im Jahr 1998. Der Hauptfaktor für den Rückgang
der Lohnquote ist die Entwicklung der Besitzeinkommen. Während
sich die Gewinneinkommen gegenüber 1964 vervierfachten, stiegen
die Besitzeinkommen um das fünfzigfache. Die rasch wachsende
Bedeutung der Vermögen zeigt sich auch an der Verschiebung
der Einkommensstrukturen: Mitte der 1960er Jahre stammten nur rund
fünf Prozent der gesamten Einkünfte aus Besitz und Unternehmen,
heute sind es jedoch rund ein Viertel.
Die Österreichische Nationalbank berechnete für 2000
ein Geldvermögen der privaten Haushalte von 3814 Milliarden
Schilling, also ein Pro-Kopf-Geldvermögen von 473.350 Schilling.
Das Volkseinkommen pro Kopf beträgt rund 352.000 Schilling.
Die Verteilung des Volkseinkommens kann über die Entwicklung
der Lohn- und Gewinnquote angenähert werden. Wie sich das Geldvermögen
aber tatsächlich auf die EinwohnerInnen verteilt, ist eine
Frage, die derzeit nicht beantwortet werden kann, da es keine Statistiken
für diesen Bereich gibt. Ein Reichtumsbericht könnte die
blinden Flecken in der Reichtumsverteilung ausleuchten.
Humankapital
Eine weitere Quelle des Reichtums ist das "Humankapital", also
das arbeitsmarktbezogene Wissen und Können der Menschen in
Österreich. Eine Studie aus dem Jahr 1999 zeigte, dass Österreich
in diesem Bereich über dem EU-Durchschnitt liegt.2)
Das intellektuelle Kapital resultiert aus einem hochwertigen Ausbildungs-
und Bildungssystem. Ein gutes Qualifikationsniveau der Bevölkerung
ist eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum
und Prosperität. Auch hier sind stärker werdende Ungleichheiten
im Zugang zur Bildung durch die vergangenen Reformen beobachtbar.
Die eben eingeführten Studiengebühren sind nur ein Ausdruck
dieser Entwicklung.
Sozialstandards
Ein weiterer Bereich, der beim Thema Reichtum üblicherweise
nicht an oberster Stelle steht (oder gänzlich unter den Tisch
fällt), ist der Bereich der Sozialstandards. Anstelle die flächendeckende
und ausreichende soziale Absicherung in verschiedenen Lebenslagen
als gesellschaftlichen Reichtum zu begreifen, werden in der politischen
und medialen Diskussion die Sozialstandards als Belastung der öffentlichen
Haushalte und der Wirtschaft betrachtet, weiters als Hindernis für
die Personen, sich eigenverantwortlich zu verhalten.
Ein Budgetziel wie das angepeilte Nulldefizit verschiebt die Schwerpunktsetzung
der einzelnen Politikbereiche beziehungsweise verändert auch
den Blickwinkel und die Art und Weise, wie Sachfragen angegangen
werden. Gegenwärtig dominiert die Frage, welche Bereiche vor
allem im Sozialsystem - zur Budgetsanierung wieviel beitragen müssen.
Wichtige Sachfragen im Bereich des Sozialsystems bleiben dagegen
unbeantwortet:
- Sind alle Risiken ausreichend abgesichert?
- Entspricht das System den Gegebenheiten am Arbeitsmarkt und den
Lebensbiographien der Menschen?
- Haben alle den gleichen Zugang zum Sozialversicherungssystem?
- Wer trägt wie viel zur Finanzierung des Sozialstaates bei?
etc.
Christine Mayrhuber zufolge sollte die zentrale Aufgabe der Budgetpolitik
weniger ein mechanischer Saldenausgleich im Staatshaushalt sein,
sondern vielmehr die gesamtgesellschaftliche Steuerung mittels Staatseinnahmen
und Staatsausgaben. Und selbst wenn der Saldenausgleich als Ziel
gesehen wird, gibt es mehrere Wege, um dieses Ziel zu erreichen.
Auch für einen Ausbau beziehungsweise überhaupt eine Adaption
des Sozialstaats an die neueren Entwicklungen am Arbeitsmarkt und
in der Gesellschaft stünden genügend Instrumente und Maßnahmen
zur Verfügung, die die Finanzierung des Sozialstaates nachhaltig
sichern. Mayrhuber plädiert für Reformen im Steuersystem
und in der öffentlichen Gebarung.
Für ein gerechteres Steuersystem
Die Steuereinnahmen des Bundes betrugen im Jahr 2000 rund 693 Milliarden
Schilling. Diese Einnahmen werden aus den direkten Steuern (also
den Steuern, die direkt an der Einkommens- und Vermögenslage
anknüpfen) und den indirekten Steuern erzielt. Letztere werden
über den Konsum bezahlt (Umsatzsteuer, Mineralölsteuer,
Tabaksteuer etc.). Die direkten Steuern wirken progressiv, sie belasten
höhere Einkommen stärker als niedrige Einkommen. Die indirekten
Steuern wirken dagegen regressiv, daß heißt sie belasten
niedrige Einkommen stärker.
Knapp 42 Prozent der Steuereinnahmen kommen aus der Umsatzsteuer
und den Verbrauchssteuern, dreißig Prozent aus der Lohnsteuer
und nur sechzehn Prozent des Steueraufkommens entstehen aus der
Einkommens-, Körperschafts- und Kapitalertragssteuer. Die progressive
Lohn- und Einkommenssteuer hat insofern nur einen relativ niedrigen
Anteil am gesamten Steueraufkommen. Dafür ist der Anteil der
regressiven Abgaben sehr bedeutsam, vor allem wenn man auch die
regressiv wirkenden Sozialversicherungsbeiträge in die Betrachtung
mit einbezieht. Die oberen Einkommensschichten tragen somit relativ
weniger zur Finanzierung der Sozialleistungen bei als die unteren
Einkommensschichten.
Zudem ist, wie gezeigt wurde, in den letzten Jahrzehnten der Lohnanteil
am Volkseinkommen deutlich zurück gegangen, während die
Besitzeinkommen und die Einkünfte aus Finanzvermögen dramatisch
angewachsen sind. Der Staat hat diese Verschiebung in seiner Steuerpolitik
nicht nur nicht berücksichtigt, sondern im Gegenteil diese
Entwicklung, etwa durch die Abschaffung der Vermögenssteuer,
weiter begünstigt. Die geringe Unternehmens- und Kapitalbesteuerung
macht Österreich zu einem Steuerparadies für Unternehmen
und Vermögen und stellt eine strukturelle Ursache für
das Budgetdefizit dar. Eine Anhebung der Vermögenssteuer auf
EU-Niveau (1,8 Prozent des BIP) würden für Österreich
zusätzliche Steuereinnahmen von rund fünfzig Milliarden
Schilling jährlich bedeuten. Ein effektiver Körperschaftssteuersatz,
der dem EU-Durchschnitt entspräche, würde ebenfalls ein
zusätzliches Steuervolumen von rund zwanzig Milliarden Schilling
jährlich sicherstellen. Die steuerliche Gleichbehandlung aller
Einkommensarten, also die gleich hohe Besteuerung der Einkommen
aus Vermögen, Kapital und Arbeit nach den üblichen progressiven
Steuersätzen, würde Mayrhuber zufolge drei Ziele gleichzeitig
verwirklichen:
a) Steuergerechtigkeit zwischen Arbeitseinkommen einerseits und
Gewinn- beziehungsweise Besitzeinkommen andererseits wäre
hergestellt: Alle leisten gemäß ihrer wirtschaftlichen
Lage ihren Beitrag.
b) Das von der Regierung gewählte Budgetziel (,,Null-Defizit")
könnte erfüllt werden.
c) Darüber hinaus stünde sogar ein gewisser Finanzierungsspielraum
zur Weiterentwicklung des Sozialstaats zur Verfügung.
Gegen die Reduktion öffentlicher Ausgaben
Diejenigen EU-Länder, die sowohl Budgetüberschüsse
als auch ein hohes Beschäftigungsniveau und hohe Sozialstandards
haben, bewegen sich nicht nur auf der Einnahmenseite auf einem anderen
Kurs als Österreich, sondern auch auf der Ausgabenseite. So
wurden beispielsweise die öffentlichen Investitionen in Finnland
in den letzten Jahren stark erhöht (zwischen 1995 und 1998
um +18,5 Prozent), während sie in Österreich drastisch
reduziert wurden (um knapp minus dreißig Prozent im Vergleichszeitraum).
Dänemark erhöhte die Beschäftigung im öffentlichen
Dienst, während in Österreich die Beschäftigungszahlen
in diesem Bereich rückläufig sind. Diese Politik in Finnland
und Dänemark führte zu einem Wachstumsschub mit höheren
Staatseinnahmen als -ausgaben, die Budgetkonsolidierung wurde da
ein "Selbstläufer". Österreich hingegen begab sich in
eine Negativspirale: Es wurden und werden die öffentlichen
Ausgaben reduziert, was laut Christine Mayrhuber negative Auswirkungen
auf Wachstum, Beschäftigung und soziale Absicherung zur Folge
hat.
Resümee
Österreich ist ein reiches Land - sowohl in Bezug auf Einkommen
und Vermögen als auch (noch) in Bezug auf öffentliche
Leistungen und vorhandene Sozialstandards. Bislang beschränkten
sich Verteilungsanalysen auf Lohn- und Transfereinkommen, während
aussagekräftige Daten über die Gewinn- und Vermögenseinkommen
auf Personenebene in Österreich fehlen. Schätzungen über
die Verteilungstendenzen unter Berücksichtigung aller Einkommensarten
sind bislang nicht möglich, ein Reichtumsbericht ist daher
nach Meinung Mayrhubers dringend erforderlich. Eine umfassende Dokumentation
über die Reichtumsverteilung in Österreich ist aber auch
als Entscheidungsgrundlage für die Politik von zentraler Bedeutung;
insbesondere in einer Zeit, in der das gegebene Sozialsystem als
"un-finanzierbar" dargestellt wird. Die Reichtümer in Österreich
vermögen einen Ausbau der Sozialstandards zu garantieren, unter
der Voraussetzung, dass alle Einkommensarten und Einkommensgruppen
solidarisch in die Finanzierung eingebunden werden.
1) Das nominelle BIP (Bruttoinlandsprodukt, d.h.
die Summe der Güter und Dienstleistungen, die in Österreich
innerhalb eines Jahres hergestellt werden) lag im Jahr 2000 bei
2850,3 Milliarden Schilling, auf jede/n ÖsterreicherIn entfallen
somit rund 352.000 Schilling beziehungsweise 428.000 Schilling auf
jede/n über 15-Jährige/n.
2) Vgl. Riedel, M.; Hofmarcher, M., Helmenstein,
C: "Intellectual Capital", IHS-Studie, Wien 1999. Humankapital ist
hier weiter definiert und bezieht neben dem Qualifikationsniveau
auch Weiterbildung, Kultur, Gesundheit und Lebensstil ein.
Aus: Kontraste, Nr. 10, Dezember 2001
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