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Alternative Jänner 2002

 

New Public Management.

Public? New? Management?

Vielleicht wird es einmal in ferner Zukunft eine Legende geben, die so ähnlich heißt: "Wie das New Public Management in die Welt kam".

Von Gerhard Winter. >> Info zum Autor 

 

Ich kann mich an kein Datum erinnern, an kein bestimmtes Ereignis, aber es war auf einmal da. So wie Fernsehen, Autos und Handys die Welt überschwemmt haben. Dunkel hängt es in meiner Erinnerung mit dem Wort "Sparen" oder "moderne Verwaltung" zusammen. Was ist schon modern? Wer sagt, was modern ist? Und was wird gespart und wo? Wer legt die Kriterien dafür fest?

Tatsächlich ist die Sinnhaftigkeit der Sparhysterie weit weg gerückt von den Wählerinnen und Wählern und ihrer Einflussnahme. Interessant daran ist, dass mit den Worten "Sparen" und "modern" offensichtlich ein immer schon da gewesener Schalter in den Gehirnen umgelegt werden konnte. "So geht’s ja wirklich nicht weiter" oder "Sparen müssen wir ja wirklich" sind nur einige Redewendungen einer breiten Palette an Akzeptanz. "Abrakadabra sparen", "Abrakadabra moderne Verwaltung" und schon ist vieles erklärt, ohne dass nachgefragt wird.

Gerade im Magistrat zeigt sich aber, dass New Public Management (NPM) mit all seinen Begleiterscheinungen hauptsächlich aus Schlagworten besteht.

Beispiel "SAP"

Ich kann mich an die Einführung von SAP erinnern, an die prognostizierte riesige Ersparnis, die damit angekündigt wurde. Ist davon irgendetwas eingetroffen? Es gibt auch keine genauen Analysen oder Expertisen (warum hat eigentlich die Gewerkschaft nicht eine erstellen lassen?), wo und wann die Einsparungen zu erzielen wären. Gerade eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die so eine Art Zauberformel für alles gilt, wurde für so ein großes Projekt wie SAP unterlassen. Ursprünglich fanden sich im Intranet unter dem Suchbegriff "SAP" hauptsächlich Kosten, die angefallen sind (Gemeinderatsprotokolle). Nicht eingerechnet waren jene Ressourcen, die an Personal- und Zeitaufwand anfielen. Anfängliche Ironie wird in puren Zynismus umschlagen, wenn all die Menschen, die an der Einführung von SAP brav mitgearbeitet haben, dann vielleicht in der Folge durch den Einsatz von SAP wegrationalisiert werden.

Beispiel "MOG" und "Leitbild"

Wie beim Bund soll das "MitarbeiterInnenorientierungsgespräch" (MOG) flächendeckend eingeführt werden. Gespräche sind immer zu befürworten (besonders dann, wenn sie die Kluft zwischen den Hierarchien schmälern können), aber ihr Sinn sollte nicht einfach verpuffen. Im MOG werden Zielvereinbarungen und Fördermassnahmen getroffen. Es wird sich zeigen, ob durch diese "konkreten" Vereinbarungen ein Motivationsschub erfolgen kann. Studien beim Bund haben ein Manko bei der Durchführung der in Aussicht gestellten Förderprogramme ergeben. In solchen Fällen ist eher Demotivation zu befürchten. Im Gespräch werden Ziele festgelegt. Um das überhaupt bewerkstelligen zu können, braucht die Dienststelle ein Leitbild. Derzeit wird im Magistrat an unzähligen Leitbildern gearbeitet - das funktioniert je nach Dienststelle besser oder schlechter. In manchen Dienststellen herrscht Offenheit - die MitarbeiterInnen werden von Beginn an in die Erstellung des Leitbildes miteinbezogen - in anderen nicht. Da hat man/frau eher das Gefühl, alles soll möglichst heimlich vor sich gehen, die MitarbeiterInnen sollen so spät wie möglich von "ihrem" Leitbild erfahren. Ein Bumerang möglicherweise, hat es sich doch gezeigt, dass von oben "angeordnete" Leitbilder von den MitarbeiterInnen nicht oder nur spärlich akzeptiert werden. Generell kann man keine einheitliche Linie erkennen; die MD-BC bietet zwar für Projekte des NPM Hilfe und Unterstützung an, aber ein Leitfaden für die Dienststellen, der anzuwenden ist, existiert nicht. Die Mitarbeit der Personalvertretung bei diesen Projekten wird von der MD-BC zwar empfohlen, aber eine Weisung kann nicht erteilt werden (warum eigentlich nicht?).

Von der Organisationsanalyse zu NPM

Startschuss für den Siegeszug von NPM war die Organisationsanalyse im Magistrat der Stadt Wien. Vom politischen Partner gefordert - wir erinnern uns, Vizebürgermeister Görg hat diese Maßnahme zur Bedingung der Koalition gemacht, war diese Analyse von Anfang an nicht auf Objektivität ausgerichtet. Es wurden nicht alle Dienststellen von der Durchleuchtung betroffen und, was noch wichtiger scheint, die Ergebnisse führten nicht zu einem zwingenden politischen Handlungsbedarf. Das "Licht ins Dunkel" war also nur eine mehr oder weniger gelenkte Angelegenheit. Wollte man wirklich etwas grundlegendes verändern, so hätte man sich zuerst die Strukturen der Hierarchie im Magistrat ansehen müssen. Solange das nicht geschieht, werden moderne Konzepte scheitern. Die alte Hierarchie wird das Neue schlucken, wiederkäuen und alt ausspeien.

Heute alles billiger

Noch einmal zurück zum Sparen. Gespart werden soll vor allem im Personalbereich. Ein Bereich, der nicht wegzuleugnen ist, aber man sollte das nicht als Mittel zum Zweck erheben und als Allheilmittel sehen. Mit Kürzung der Personalkosten alleine lässt sich keine Verwaltungsmodernisierung durchführen. Abgesehen davon, dass bei radikaler Streichung von Dienstposten die Frage offen bleibt, wohin diese Menschen abgeschoben werden sollen. Die Privatwirtschaft liefert ja nicht gerade leuchtende Beispiele (siehe Conti) für eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit. Und die Ausrede, man besetze Dienstposten halt nicht nach, ist mehr als durchsichtig. Irgendwie tut man so, als wären die Arbeitsplätze dann nicht verloren, wenn "nur" nicht nachbesetzt wird.

Auf der anderen Seite sehe ich, wie ganze Heerscharen von Managern und Controllern ausgebildet werden und ich frage mich, wen sie einmal - nach den Personalkürzungen - managen und "controllen" werden?

Ich gebe auch zu, mein Vertrauen zu den "Big Managern" ist gering. Ein paar Mal habe ich jetzt die Strategie von ihnen in den ZiB 2’s und ZiB 3’s verfolgen können. Der alte Vorstand wurde - manchmal sehr teuer - abgelöst, der neue tritt auf und verkündet: erstens Personalkürzung, zweitens Leistungskürzung und drittens Erhöhung der Preise für die Leistungen. Aha, denke ich mir, so gescheite Leute ... na ja, kein Wunder, die haben ja lange Jahre Wirtschaft studiert!

Was ich meine ist, dass das kein Konzept sein kann, aber es ist offensichtlich eines. Den empörten Aufschrei vermisse ich. Vielleicht deshalb, weil ich jetzt schon zu oft Sätze wie "na muss eine kaputte Straßenlampe wirklich am selben Tag gewechselt werden" oder "leeren wir die Mistkübel nicht wirklich zu oft aus" gehört habe.

Manche scheinen da Leistungs- und Preisbewusstsein mit billig im Sinne von billig um jeden Preis zu verwechseln. So wie am Flohmarkt die Händler ihre 4th-Hand-Textilien mit "heute alles billiger" anpreisen. Dementsprechend ist auch die Qualität! Ein Konzept für Wirtschaftlichkeit kann das nicht sein.

Quo vadis Personalvertretung?

In Zeiten des NPM hatte ich öfter den Eindruck, die Personalvertretung hat teilweise ihre Identität verloren. Der Riese NPM steht bedrohlich da und es bleibt die Frage, wie man ihm am besten begegnet. Dagegen sein? Mitarbeiten? Zustimmen? Nicht vereinfacht wurde die Situation durch die Tatsache, dass immer mehr Entscheidungen direkt auf die Dienststellen und damit auch auf die örtlichen Personalvertretungen übergingen. Das hat durchaus auch sein Gutes - vorausgesetzt die Zusammenarbeit mit der Dienststellenleitung funktioniert - aber die Gefahr liegt eben auch in diesen vielen Einzellösungen, wo jeder versucht, das beste für sich und seine Ideen herauszuholen. Aber einem so dicken Brocken wie NPM kann man nicht nur in Bereichen begegnen. Da ist eine Ideologie gefordert, ein Gegenmodell zu dem ganzen Hintergrund und den Folgewirkungen, die NPM begleiten.

Ich bin nicht der Meinung, dass die PersonalvertreterInnen jetzt zu Wirtschaftsexperten ausgebildet werden müssen, zu Controllern oder anderen SpezialistInnen des NPM. Da werden wir denen hinterherhinken, die das schon lange gelernt haben und praktizieren. Wir sollten überlegen, was NPM für die Kolleginnen und Kollegen bedeutet, für ihre Familien, für die anderen Menschen. Ist das die Entwicklung, die wir uns wünschen? Kann man uns eine Änderung aufzwingen, nur weil sie angeblich Geld spart? Geld, das von uns allen kommt und die daher auch entscheiden können sollten, was damit geschieht.

 

Alternative Jänner 2002