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Doha und Linz
ATTAC-Österreich veranstaltete gemeinsam
mit Greenpeace, Dreikönigsaktion, ÖGB-Oberösterreich
und Katholischer Arbeitnehmerbewegung einen Gegenkongress zur WTO-Ministerkonferenz.
Während in der Wüste Katars die
Minister von 144 Ländern über eine neue Freihandelsrunde
feilschten, kamen in Linz zweihundert Personen aus ganz Österreich
zum Kongress "Die Welt ist keine Ware", um sich endlich einmal etwas
genauer über die Welthandelsorganisation (WTO) und Alternativen
zum Freihandel zu informieren. Durch die gesellschaftliche Breite
wollten die Veranstalter zeigen, dass alle Menschen von Globalisierung
betroffen sind und dass Alternativen nur durch ebenso breite Koalitionen
möglich sind. Durch das Demonstrationsverbot in Doha fanden
weltweit dezentrale Protestaktionen statt, allein ATTAC führte
117 Aktionen in dreißig Ländern durch, darunter der "Volksbildungskongress"
in Linz, der dem zentralen Ziel von ATTAC, globale und wirtschaftspolitische
Zusammenhänge verständlich zu machen, um gemeinsam Alternativen
zur gegenwärtigen Form der Globalisierung entwickeln zu können,
Rechnung trug.
Die Soziologin und Buchautorin Maria Mies von der Universität
Köln ("Globalisierung von unten", Rotbuch Verlag 2001) wies
im Hauptreferat auf das innere und äußere Demokratiedefizit
der WTO hin. "Inneres", weil sich die mächtigen Industrieländer
stets gegen die Interessen der Entwicklungsländer durchsetzten,
so auch dieses Mal wieder. Obwohl die armen Länder die bisherigen
Liberalisierungsrunden erst einmal verdauen und bestehende Schieflagen
in den WTO-Verträgen korrigieren wollen, drängen die Industrieländer
schon auf die nächste Runde. Das äußere Demokratiedefizit
zeigt sich darin, dass die WTO die Forderungen tausender Nichtregierungsorganisationen
(wie ATTAC, Greenpeace oder Amnesty) nach dem Vorrang von Umweltschutz,
der Einhaltung von Menschenrechten, der humanen Behandlung von Arbeitnehmern,
dem Schutz der Lebensräume indigener Völker und der vollständigen
Information der Konsumenten kaum Berücksichtigung finden. In
der Folge seien schon bei der letzten Ministerkonferenz 1999 in
Seattle 50.000 Menschen auf die Straße gegangen, um das einseitige
Freihandelsprojekt anzuprangern. Diesmal habe sich die WTO dort
versteckt, wo sie hingehöre, in Katar sind nicht nur Demonstrationen,
sondern auch politische Parteien verboten.
Alessandro Belizzari von ATTAC-Schweiz berichtete über das
Dienstleistungsabkommen der WTO (GATS), dessen Ziel es ist, Schritt
für Schritt alle Dienstleistungen - von Banken bis zum öffentlichen
Verkehr - zu privatisieren und dem globalen Wettbewerb zu unterwerfen,
einschließlich essentieller Versorgungsbereiche wie Gesundheit,
Bildung oder Wasser. Er zitierte Weltbank-Studien, wonach der globale
Wassermarkt auf achthundert Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt
wird, der globale Gesundheitsmarkt auf zweitausend Milliarden Dollar
und der globale Bildungsmarkt sogar auf 3500 Milliarden Dollar pro
Jahr. Die Privatisierung würde nicht nur Gesundheit, Bildung
und Wasser massiv verteuern, sondern auch eine immer größere
Zahl von Menschen von der Versorgung ausschließen. In den
USA sind vierzehn Prozent der Bevölkerung gar nicht mehr krankenversichert,
und in Großbritannien wurde bereits 13.000 armen Haushalten
von den privaten Versorgern das Wasser abgedreht. In der bolivianischen
Stadt Cochabamba wurde ebenfalls die Wasserversorgung privatisiert.
Innerhalb weniger Wochen verdoppelten sich die Wasserpreise, es
kam zum Generalstreik.
Außerdem verleihe das GATS der Ausbeutung von Arbeitskräften
eine neue Qualität: In der Schweiz würden große
Infrastrukturprojekte - wie zum Beispiel die Alpentransversale -
mit südafrikanischen Arbeitnehmern gebaut. Diese bekämen
jedoch nicht Schweizer Löhne, sondern südafrikanische.
Das WTO-Dienstleistungsabkommen macht es möglich.
Heinz Patzelt, Geschäftsführer von Amnesty International
in Österreich, wies darauf hin, dass Menschenrechte in zunehmendem
Maße von Konzernen und nicht von Staaten verletzt würden.
Das mache ihre Sanktionierung und Verhinderung leichter, da fast
alle großen Konzerne ihren Stammsitz in den USA, der EU oder
in Japan hätten. Allerdings brauche es einen Politikansatz,
in dem Freihandel nicht wichtiger sein dürfe als alles andere
und in dem Konzerne verbindlich zur Verantwortung gezogen werden
könnten.
Gertrude Klaffenböck vom weltweiten Netzwerk für Ernährungssicherheit
(FIAN) prangerte das Patentschutzabkommen der WTO an, das nicht
nur die Gentechnik in der Landwirtschaft fördere, sondern auch
die Rechtsgrundlage für Biopiraterie schaffe. Ein Beispiel:
Die Essenzen und Öle des Neem-Baums werden von der indischen
Bevölkerung seit Jahrtausenden für Medikamente, Seifen
und als biologisches Pestizid genutzt, den Hindus gilt der Neem-Baum
als heilig. Nun haben westliche Life Science-Konzerne nicht weniger
als vierzig Patente auf die Säfte des Neem-Baums angemeldet
und elf davon schon erhalten. Wenn die Menschen in Indien diese
Produkte verwenden wollen, müssen sie jetzt dafür zahlen.
Susanne Mark von ATTAC-Österreich meinte, dass die WTO ausschließlich
industrielle Landwirtschaft fördere, mit Monokulturen, Pestiziden,
synthetischen Düngern und gentechnisch verändertem Saatgut.
Nachhaltigkeit und Ernährungssouveränität seien hingegen
keine Kategorien. Die EU reklamiere zwar eine "multifunktionelle
Landwirtschaft", die Priorität liege aber auch hier auf der
globalen Wettbewerbsfähigkeit und die "Förderung hochtechnisierter
landwirtschaftlicher Betriebe, in den jeweils geeignetsten Regionen
Europas" (Pascal Lamy). Die Welternährungsorganisation (FAO)
weist darauf hin, dass infolge industrieller Landwirtschaftsmethoden
nicht nur jährlich 70.000 Quadratkilometer - ein Gebiet fast
so groß wie Österreich - an fruchtbarer Ackerfläche
verloren gehen, sondern dass auch 40.000 Pflanzenarten vom Aussterben
bedroht sind und damit die Ernährungssicherheit der Menschheit
am Spiel stehe.
Mark forderte daher, dass sich die WTO gänzlich aus dem Bereich
Ernährung und Landwirtschaft zurückziehen solle. Industrielle
Landwirtschaft und Gentechnik verschärften zusätzlich
den Welthunger, weil sie die besten Böden für den Anbau
von Exportprodukten besetzten und nicht für die Versorgung
der lokalen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. "Hunger ist kein
Produktionsproblem, sondern ein Verteilungsproblem."
Zum Abschluss der Tagung, zu der Menschen aus ganz Österreich
kamen, gratulierte der Kabarettist Leo Lukas ATTAC-Österreich
mit dem Programm "Herzlichem Glückwunsch" zum ersten Geburtstag.
ATTAC-Österreich hat seit seiner "Geburt" am 6. November 2000
mehr als tausend Mitglieder und vierzig Mitglied-Organisationen
aus allen Gesellschaftsbereichen gewonnen. In allen Bundesländern
sind Regionalgruppen im Entstehen. ATTAC bastelt weiter an Alternativen
zur gegenwärtigen Form der Globalisierung. ATTAC versteht sich
nicht nur als Vereinigung von Globalisierungskritikern, sondern
auch als Globalisierungsgestaltern.
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