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Die Ökonomisierung des Sozialen
Care Economy und die
Kostenexplosion im Gesundheitsbereich von Mascha Madörin.
An kapitalismuskritischen Veranstaltungen habe
ich häufig den Eindruck, ein Rauschen von oft Gesagtem zu hören.
Sicher ist es wichtig, die Akkumulations- und Machtdynamik des Kapitalismus
und insbesondere des Finanzsystems oder die Auswirkungen neuer Technologien
zu verstehen. Dies ist unumgänglich, um den gängigen wirtschaftspolitischen
Debatten zu folgen, gibt aber keine Hinweise darauf, wie eine alternative
Wirtschaftspolitik aussehen könnte und worauf es aus der Sicht
"von unten" ankäme. Ausgangspunkt einer alternativen Wirtschaftstheorie
und -politik muss meiner Ansicht nach die Ökonomie des Alltagslebens
und ein neues Verständnis von Wohlfahrtsökonomie sein.
Ein Aspekt davon ist die so genannte "Care economy" und - allgemeiner
gesagt - eine Vorstellung von der Zeitökonomie der Frauen.
Die besondere Logik der Care-Ökonomie
In der Wirtschaftstheorie gibt es eine Kategorie von Gütern
und Dienstleistungen, die einen Sonderstatus haben: die öffentlichen.
Dem liegt die Einsicht zugrunde, dass es Güter und Dienstleistungen
gibt, die wichtig für die Grundversorgung sind und auch Personen
zugänglich sein müssen, die nicht dafür bezahlen
können.
Die australische Ökonomin Susan Donath erinnert an die Besonderheit
der Care-Ökonomie, dass deren Arbeitsproduktivität nur
in engen Grenzen erhöht werden kann. Schon 1967 hat der bekannte
Wirtschaftstheoretiker William Baumol herausgearbeitet, was dies
bedeutet. Baumol kam aufgrund seiner Analysen zum Schluss, dass
Tätigkeiten, die der persönlichen Versorgung von Menschen
dienen, angesichts des technischen Fortschritts in den anderen Sektoren
relativ gesehen immer teurer werden würden.
Bezogen auf die Care-Ökonomie lässt sich im Sinne Baumols
die so genannte Kostenexplosion im Gesundheitswesen mindestens zum
Teil auf ein Wahrnehmungs- respektive ein Preisstrukturproblem reduzieren.
Diese Kosten werden verglichen mit jenen in Wirtschaftsbereichen,
in denen es rasante technische Fortschritte gegeben hat. Baumol
selbst war optimistisch bezüglich der Konsequenzen der von
ihm analysierten Entwicklung. Er hoffte, dass der Lebensstandard
trotzdem generell steigen werde. Da die Leute bedeutend weniger
für Autos und Ähnliches bezahlen müssten, könnten
sie mehr für ihre Gesundheit ausgeben.
Aspekte wie die einseitige Zuständigkeit von Frauen für
die Sorge für andere liess er dabei ausser Acht, ebenso die
ungleiche Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern und Klassen,
die ungleiche Verteilung der unbezahlten und bezahlten Arbeit sowie
die Tatsache, dass persönliche Dienstleistungen nur beschränkt
verfügbar, nicht beliebig austauschbar und örtlich gebunden
sind.
Die gängigen Wirtschaftsdebatten werden genau besehen nach
wie vor weitgehend in Baumols Optik geführt - auch unter ÖkonomInnen
der SP und der Gewerkschaften. Auf solchen Annahmen beruht auch
die optimistische Zukunftsperspektive, es gäbe - entgegen verbreiteter
Besorgnis - keine Krise der Erwerbsarbeitsgesellschaft, es sei nur
erforderlich, die Leute besser auszubilden. Aber auch eine bestens
ausgebildete Ärztin kann nur eine gute Ärztin sein, wenn
sie genügend Zeit für die Behandlung ihrer PatientInnen
hat.
Die Krise der Erwerbsarbeitsgesellschaft besteht nicht darin, dass
die Erwerbsarbeit wegen der neuen Technologien ausgeht. Sie besteht
darin, dass die Arbeitsproduktivität in den verschiedenen Sektoren
rasant auseinanderdriftet und mit ihr die Höhe der Arbeitseinkommen
und die Profitabilität von Investitionen.
Die Rationierung der Care-Zeit
Der Neoliberalismus kann als Versuch gesehen werden, die Produktivitätsgrenzen
der Care-Ökonomie zu sprengen, das Soziale im wahrsten kapitalistischen
Sinn des Wortes zu ökonomisieren. Im staatlichen und privatwirtschaftlichen
Gesundheits- und Sozialwesen wird gegenwärtig versucht, die
Care-Ökonomie effizienter zu gestalten, um Kosten zu sparen.
Wie aber soll gespart werden?
Ein wesentlicher Versuch, im Gesundheitswesen zu sparen, liegt
darin, die Arbeitsvorgänge von ÄrztInnen und Pflegenden
akribisch in verschiedene Tätigkeiten aufzusplittern und in
qualifizierte gut bezahlte und unqualifizierte schlecht bezahlte
zu hierarchisieren. Es ist ein Versuch, die arbeitsteiligen Methoden
der Umwandlung von handwerklichen Arbeitsweisen in industrielle
zu kopieren.Bei der Reorganisation von Spitälern und bei der
spitalexternen Krankenpflege wird deutlich, worum es geht: ÄrztInnen
und Krankenschwestern sollen die Krankheit behandeln, das billigere
Hilfspersonal, Haushaltshilfen, Freiwillige oder Angehörige
sollen die Kranken bedienen. Ihre Aufgabe ist es, zu putzen, die
Mahlzeiten zuzubereiten und zu servieren sowie mit den Kranken zu
reden. Die medizinische Behandlung - auch der psychosomatischen
Aspekte - wird standardisiert, die alltägliche Beziehungs-
und Versorgungsarbeit disqualifiziert und rationiert.
Der internationale Vergleich von Gesundheitsmodellen zeigt jedoch,
dass die Kosteneinsparungsmöglichkeiten trotz allen Beschränkungen,
trotz relativ niedrigen Löhnen und zunehmender Beschäftigung
von diskriminierten MigrantInnen, trotz Freiwilligenarbeit, trotz
kürzeren Spitalaufenthalten und anderen Massnahmen sehr begrenzt
sind. Die Alternative zu dieser Art der Kostendämpfung ist,
die Gesundheitsversorgung für eine ausreichend grosse Bevölkerungsgruppe
einzuschränken - beliebt sind in solchen Planspielen die Alten.
Neue Berufsbilder, neue Krankheiten
Wer Behandlungstarife neu gestaltet, initiiert die Entstehung einer
neuen Medizin mit neuen Krankheitsbildern und Behandlungsidealen.
Im Vordergrund steht aktuell die Abschaffung der traditionellen
Helferrolle von ÄrztInnen und des Pflegepersonals. An ihre
Stelle soll die Eigenverantwortung der PatientInnen treten. So emanzipatorisch
das für alle Beteiligten klingt: Damit soll primär Beziehungsarbeit
aus dem Erwerbsbereich ausgespart werden.
Worin besteht beispielsweise die Leistung von ÄrztInnen? Der
1883 geborene Berner Arzt und Psychiater Jakob Kläsi sah sich
noch als "ein Wissenschafter, ein Krieger, ein Erbarmer, ein Erzieher,
ein Priester und ein Künstler". Noch 1996 erklärte Franz
Nager, ehemaliger Chefarzt am Kantonsspital Luzern, der ärztliche
Beruf sei charakterisiert durch "Wissenschaft, Handwerk, Geschäft,
Liebestätigkeit und Kunst". In der Gesundheitsökonomie
dagegen ist die Rede von "Anbieterdominanz der Leistungserbringer",
die "zugunsten der Kunden und ihrer Vertreter korrigiert" werden
soll. In der Gesundheitsökonomie wird fast nur in Kategorien
der Gesundheitsindustrie und von Ärzten gedacht, die gerne
die teuerste Technik anwenden, geldgierig und karrieresüchtig
sind, die bei der Wahl der Technik sozusagen staatlich vor Wettbewerb
geschützt die Krankenkassen allzu sehr zur Kasse bitten. Andere
Berufstätige wie Krankenschwestern oder PhysiotherapeutInnen
kommen als AkteurInnen gar nicht vor. Selten ist von PatientInnen
die Rede und wenn, dann allenfalls davon, dass sie in Todesängsten
alle möglichen technischen Schikanen konsumieren wollen, auch
wenn sie steinalt sind und am Schluss doch sterben. Die Kostenexplosion
wird heute wesentlich als dem Gesundheitssystem innewohnende Problematik
irrationaler Verwendung ökonomischer Ressourcen und irrationaler
Entscheidungsprozesse gesehen.
Ganz andere Grössenordnungen
Nicht in diese Sicht der Dinge passt die Beobachtung des Gesundheitsökonomen
Jürg H. Sommer. Nach Sommer gehen rund drei Viertel der sich
krank fühlenden Personen trotzdem nicht zu ihrem Arzt oder
zu ihrer Ärztin, sondern helfen sich selbst. Was dies bedeutet,
illustriert Sommer mit folgender Untersuchung aus den USA: Wenn
nur zwei Prozent der AmerikanerInnen, die sich krank fühlen,
Selbstmedikation betreiben und auf medizinische Konsultation verzichten,
stattdessen ihre ÄrztInnen aufsuchen würden, müsste
sich die Zahl der GrundversorgerInnen in den USA um 50 Prozent erhöhen
(Jürg H. Sommer: "Gesundheitssystem zwischen Plan und Markt".
1999).
Aber auch diese Feststellung greift noch zu kurz.
Sie verleitet dazu, die Krise des Gesundheitssystems durch Verhaltensänderungen
entschärfen zu wollen. Dabei wird aber etwas Entscheidendes
übersehen. Wenn ich krank bin, kann ich im Bett bleiben, Medikamente
schlucken oder so genannte Hausmittel anwenden. Weniger einfach
aber ist es, einkaufen zu gehen oder für mich selbst zu kochen.Wenn
wir davon ausgehen, dass Menschen nun mal zeitweise krank werden
und von anderen Unterstützung brauchen und, egal in welchem
Alter sie sterben, vor dem Tod durchschnittlich zwischen ein und
zwei Jahren unterstützungsbedürftig sind, dann bekommt
die Kostenexplosion im Gesundheitswesen nochmals eine ganz andere
Dimension.
Frauen leisten mehr unbezahlte Hilfe für andere, als sie
selbst erhalten. Während die Männer weitgehend auf die
unbezahlte pflegerische und versorgende Unterstützung durch
die Ehefrau zählen können, sind ältere Frauen, die
meist länger leben als der Ehemann, bei Altersschwäche
und Krankheit stärker auf Unterstützung von aussen angewiesen.
Bei der Pflege zu Hause wird nun aber unterschieden zwischen medizinischen
Diensten, die von den Krankenkassen grundversichert sind, und "Hoteldiensten"
wie Kochen, Putzen und Waschen, die die Kranken selbst bezahlen
müssen. Von Gesprächen schon gar nicht zu reden. Frauen,
die als Ehefrauen/Freundinnen, Mütter und teilweise als Töchter
und Schwiegertöchter solche Dienste meist in aller Selbstverständlichkeit
übernehmen, riskieren, im Alter selbst auf teure und streng
rationierte Hilfe von aussen angewiesen zu sein.
Die sozialen und ökonomischen Auswirkungen dieser willkürlichen,
aber für die Krankenkassen kostengünstigen Unterscheidung
trifft vor allem die Frauen. Als Betagte einerseits, aber auch als
Erwerbstätige in Pflegeberufen, wo sie überdurchschnittlich
vertreten sind und wo ihnen die Arbeit mit irrwitzigen Zeitberechnungen
und Leistungskontrollen zunehmend vermiest wird.
Als provisorisches Fazit lässt sich feststellen: Verglichen
mit den Grössenordnungen und den ökonomischen Fragen,
die Veränderungen beim Volumen der unbezahlten Arbeit von Frauen
aufwerfen, ist die relative Kostenexplosion im Gesundheitswesen
ein kleines ökonomisches Problem. In einem späteren Beitrag
dieser Serie werde ich auf die Frage noch einmal zurückkommen.
Diesen Artikel entnahmen wir der Schweizer Wochenzeitschrift
"[WOZ]".
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