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Wenn die Basis befragt wird ...
Positionen, Kommentierungen und Empfehlungen
der "Unabhängigen GewerkschafterInnen im ÖGB"
(AUGE, GUG,
KIV, UGöD)
zur ÖGB-Urabstimmung.
Der ÖGB fordert seine Mitglieder im
Rahmen der Urabstimmung (übrigens die erste in der Geschichte
des Gesamt-ÖGB) auf, die Fragen aufmerksam durchzulesen und
die "Meinung frei auszudrücken", jeweils durch ein
"Ja" oder "Nein". Die Fragen zur Urabstimmung
sind nicht "das Gelbe vom Ei". Dennoch rufen wir alle
Gewerkschaftsmitglieder auf, daran teilzunehmen! Denn was die ÖGB-Spitze
einmal von der Basis erfragt hat - daran wird (und muß) sie
immer wieder erinnert werden!
Wir drücken jedenfalls unsere Meinung zur Urabstimmung bereits
im Vorfeld äußerst frei aus. Denn die angeführten
Fragestellungen erzwingen dies geradezu. Nachfolgend die Fragen
im Originalwortlaut und unser Kommentar dazu:
1. Frage: "Wir fordern, dass die österreichische
Sozialpartnerschaft gestärkt wird. Die Mitbestimmung der Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer muss auf alle Bereiche der Arbeitswelt ausgeweitet
werden."
Nun, es ist schon beachtlich, daß im Rahmen einer gewerkschaftlichen
Urabstimmung zuallererst einmal nicht die Stärkung und Rolle
der Interessenvertretungen der ArbeitnehmerInnen abgefragt wird,
sondern auch gleich einmal die angeblichen "PartnerInnen"
- die ja die scheinbare Idylle der Sozialpartnerschaft längst
aufgekündigt haben - mitgestärkt werden sollen. Der ÖGB
sagt seinen Mitgliedern einmal mehr wo er steht: er ist und bleibt
der österreichischen Sozialpartnerschaft treu ergeben, Alternative
wird keine präsentiert. Ob die Mitglieder das überhaupt
(noch) wollen oder nicht, bleibt unhinterfragt. Interessant wäre
in diesem Zusammenhang auch zu erfahren, wie denn eine Ausweitung
der Mitbestimmung der ArbeitnehmerInnen auf alle Bereiche der Arbeitswelt
in Zusammenarbeit mit diesen gestärkten "PartnerInnen"
funktionieren soll und kann. Bekannterweise gibt es ja Widersprüche
zwischen Arbeit und Kapital und die Kapitalseite ist ja nicht unbedingt
an einer Ausweitung gewerkschaftlicher Mitbestimmung interessiert.
Daß es der ÖGB-Führung scheinbar ein größeres
Anliegen ist, ins Gemauschel hinter verschlossenen Türen einer
alten Sozialpartnerschaft zurückzukehren, als sich zu einer
kämpferischen und wirklich demokratischen Organisation zu entwickeln,
ist bedauernswert, war beim derzeitigen Zustand jedoch leider zu
erwarten. Und liebe ÖGB-Spitze: Mitbestimmung der ArbeitnehmerInnen
muß auch in den Gewerkschaften ausgebaut werden: Durch die
Mitbestimmung der Basis - etwa durch regelmäßige Urabstimmungen
zu den Kollektivvertragsvereinbarungen, durch die Direktwahl der
Vorsitzenden durch die Mitglieder, durch die aktive Einbindung von
MigrantInnen, einen stärkeren Einsatz für das passive
Wahlrecht von NichtösterreicherInnen zu AK und zum Betriebsrat,
durch die Stärkung der Frauen- und Jugendorganisationen, durch
die Einbindung von Arbeitsloseninitiativen usw. Wir fordern eine
Verstärkung der Vertretung von Frauen durch Frauen sowie eine
Gleichstellung von Frauen auf allen Hierarchieebenen im ÖGB,
sowie ein konsequentes Gender-Mainstreaming um zu einer Neugestaltung
von Entscheidungsprozessen zu kommen. Wir fordern auch eine neue
Gewerkschaftskultur, eine Beendigung des unseligen "Fraktionismus"
und einen daraus folgenden offeneren Umgang mit Minderheitenpositionen.
Und wir fordern vom ÖGB tatsächliche Überparteilichkeit.
Das bedeutet auch, daß SpitzenvertreterInnen der Gewerkschaften
keine Mandate für politische Parteien in gesetzgebende Körperschaften
(Parlamente, Landtage) wahrnehmen. Das würde die politische
Glaubwürdigkeit des ÖGB deutlich erhöhen!
Die UG empfiehlt: "Ja" zur
Ausweitung der Mitbestimmung, "Nein" zur Stärkung
der Sozialpartnerschaft. Unser Vorschlag: Entweder ersten Satz (Stärkung
der Sozialpartnerschaft) streichen und "Ja" stimmen -
als klares Signal an den ÖGB. Oder mit "Nein" stimmen!
Wir fordern in diesem Zusammenhang eine genaue und differenzierte
Auswertung des Abstimmungsergebnisses.
2. "Wir fordern die Beibehaltung der Pflichtversicherung,
damit auch in Zukunft alle - unabhängig von ihrem Einkommen
- auf die Gesundheits- und Pensionsversorgung vertrauen können."
Dem können wir uns voll und ganz anschließen. Der Privatisierung
der Sozialsysteme ist entschieden entgegenzutreten. Die Privatisierung
von Pensions- und Gesundheitssystemen ist ein wesentlicher Kern
des neoliberalen Projekts mit katastrophalen sozialen Auswirkungen
(siehe England). Doch wir fordern noch mehr: wir fordern eine umfassende
Demokratisierung der Sozialversicherungen (etwa durch Direktwahl
der VersicherungsvertreterInnen), wir fordern einen Ausbau der sozialen
Grundversorgung (etwa durch eine Grundsicherung), wir fordern die
Sicherung des Sozialsystems durch eine offensive Verteilungspolitik
sowie eine Ausdehnung der Finanzierungsgrundlage durch die Einführung
einer Wertschöpfungsabgabe. Wir fordern weiters die Aufhebung
der Höchstbeitragsgrundlage für die Beiträge zur
Krankenversicherung. Aktive Verteilungspolitik bedeutet auch die
Wiedereinführung der Vermögenssteuern, sowie eine deutliche
Erhöhung der Körperschaftssteuer!
Die UG empfiehlt: "Ja".
3. "Wir fordern, dass Lohnerhöhungen und
Arbeitszeiten weiterhin durch die Gewerkschaften in Kollektivverträgen
geregelt werden."
Die blau-schwarze Regierung will die Kollektivvertragsfähigkeit
der Gewerkschaften weiter aushöhlen. Sie möchte Lohnverhandlungen
künftig auf die betriebliche Ebene verlagern. Dies führt
zu einer deutliche Schwächung der Interessen der ArbeitnehmerInnen
und ist entschieden abzulehnen! Nur: dass die Schere zwischen Frauen-
und Männereinkommen immer stärker auseinandergeht ist
eine Mitschuld der Gewerkschaften. Und dass die durchschnittliche
Arbeitszeit eines/r Vollzeitbeschäftigten bei 44 Stunden/Woche
liegt, obwohl bereits in vielen Branchen eine kollektivvertraglich
vereinbarte Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden gilt ist auch Faktum.
Wir fordern vom ÖGB einen verstärkten Einsatz für
Frauen und für NiedrigeinkommensbezieherInnen. Und wir fordern
einen gesetzlichen Mindestlohn von 15.000 ATS (1090 EUR
). Eine wichtige Forderung ist für und, daß die gesetzliche
Arbeitszeit zunächst auf 35 Wochenstunden und mittelfristig
auf 30 Stunden reduziert wird. Und Arbeitszeit umfaßt nicht
nur die Wochen-, sondern auch die Lebensarbeitszeit: Bildungskarenzen,
Sabbaticals und Erziehungskarenzen sind für uns ebenso Mittel
einer aktiven Beschäftigungspolitik wie die Ausdehnung von
Urlaubszeiten auf 6 Wochen - wie etwa in Dänemark.
Die UG empfiehlt: "Ja".
4. "Wir fordern einen Anspruch auf Abfertigung
ab dem ersten Tag - auch bei Selbstkündigung - mit freier Verfügbarkeit
durch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer."
Ziel der Bundesregierung ist es, die betriebliche Pensionsvorsorge
als "drittes" Standbein (zusätzlich zu staatlicher
und privater Pensionsvorsorge) auszubauen. Dies würde zu einer
weiteren Stärkung der Pensionsfonds als Akteure auf den Finanzmärkten
führen, die Pensionsvorsorge den Launen der Finanzmärkte
aussetzen und den Druck auf die ArbeitnehmerInnen (über die
Finanzmärkte) erhöhen. Es ist für uns selbstverständlich,
daß die Abfertigung als Lohnbestandteil den ArbeitnehmerInnen
gehört - ab dem Augenblick der Beschäftigung. Nur sie
sollen bestimmen, was mit ihrer Abfertigung passieren soll! In logischer
Konsequenz geht unsere Forderung noch etwas weiter als die des ÖGB:
Abfertigung nicht nur bei Selbstkündigung, sondern auch bei
Entlassung.
Die UG empfiehlt: "Ja".
5. "Wir fordern eine schulische und berufliche
Bildungsoffensive, um die Zukunftschancen aller zu verbessern. Ziel
ist: ein offener Bildungszugang ohne soziale Barrieren."
Selbstverständlich. Nur sollte sich der ÖGB (und hier
insbesondere die GöD) dann auch einmal mit den Anliegen ihrer
Gewerkschaftsbasis - hier insbesondere der LehrerInnen auseinandersetzen.
Denn diesen reichts gehörig. Und die fühlen sich von ihrer
Gewerkschaft teilweise verraten und verkauft. Ist der ÖGB schon
auf die "Unabhängige Bildungsgewerkschaft" zugegangen?
Wo wurden die Anliegen der LehrerInnen ernstgenommen? Die "Urabstimmung"
bei den LehrerInnen war ja eher eine Verhöhnung! Und wo ist
das Bündnis ÖGB - HochschülerInnenschaft im Kampf
gegen die Studiengebühren? Wo ist die Unterstützung des
Bildungsvolksbegehrens durch den ÖGB? Beinhaltet der offene
Bildungszugang auch die Öffnung der Universitäten für
Lehrlinge? Fragen über Fragen, die die Urabstimmung nicht beantwortet.
Die UG empfiehlt: "Ja".
6. "Wir fordern die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit
der öffentlichen Dienste und den Stopp des unwiderruflichen
Ausverkaufs öffentlichen Eigentums (z.B. Betriebe, Strom, Wasser,
Wälder), um unsere Grundversorgung zu sichern."
Gut, daß das dem ÖGB jetzt auch einfällt. Gegen
die Privatisierungen durch Rot-Schwarz hat der ÖGB nämlich
ziemlich wenig zu sagen gehabt. Damals war die Regierung für
ihn ja auch unterstützenswert. Dass dem privaten Raubzug gegen
öffentliches Vermögen nun auch der ÖGB einen Riegel
vorschieben will ist begrüßenswert. Auch hier gilt dasselbe,
wie bei den sozialen Sicherheitssystemen: Grundversorgung und Grundbedürfnisse
dürfen nicht den Launen und Interessen der Finanzmärkte
und der Konzerne überlassen werden! Wir hoffen auch, daß
er laut die Stimme erhebt, wenn der Wiener Stadtregierung einmal
einfallen sollte, die Wiener Stadtwerke endgültig zu privatisieren.
Wenn der Widerstand der Gewerkschaften so aussieht, wie bei der
Telekom - dann gute Nacht!
Die UG empfiehlt: "Ja".
"Soll der ÖGB zur Durchsetzung seiner Forderungen
in Verantwortung für die Zukunft unseres Landes und seiner
Menschen notfalls auch gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen ergreifen?"
No na, als ob es nicht schon längst an der Zeit wäre.
Schließlich ist eine Gewerkschaft eine Kampforganisation.
Und was versteht der ÖGB unter "unser Land und seine Menschen"?
Hoffentlich auch die MigrantInnen, die hier lebe! Der ÖGB muß
endlich aufhören sich zu zieren. Bereits im Vorjahr gab es
in der GöD eine Mitgliederbefragung, in der sich zwei Drittel
der Befragten für Streikmaßnahmen aussprachen. Der Landesvorstand
der GöD-Vorarlberg faßte einen Streikbeschluß,
der von der FCG-Mehrheit im Zentralbeschluß abgelehnt wurde.
Die Kampfbereitschaft ist da (zumindest einmal im Öffentlichen
Dienst). Die Ignoranz der GöD-Führung ist ungeheuerlich
und undemokratisch! So gerät Gewerkschaftspolitik zur Farce!
Zwischen Nichtstun und Generalstreik gibt's noch zahlreiche andere
Möglichkeiten: Warnstreiks, Bummelstreiks, Dienst nach Vorschrift,
Demos, Straßenaktionen, etc. Die Möglichkeit der Mittel
ist groß. Zaghaftigkeit und Zögerlichkeit sind nicht
das Gebot der Stunde. Und: Warum fragt der ÖGB nicht direkt
die Bereitschaft der Mitglieder Kampfmaßnahmen zu unterstützen
ab? Diese Fragestellung läßt alles offen und ist wohl
nur schwerlich als Mitglieder mobilisierend zu interpretieren. So
scheint der ÖGB wieder ins alte Fahrwasser "Wir machen
schon für Euch" zu geraten. Nur, so wird sicher kein Kampf
zu führen sein. Bewußtsein entsteht aus Praxis! Also
damit einmal anfangen. Wir sind überzeugt: Viele BetriebsrätInnen
warten nur darauf! Die Macht des ÖGB sind seine aktiven Mitglieder:
Für Solidarität statt neoliberaler Ellbogengesellschaft!
Die UG empfiehlt: "Ja". Die
UGöD empfiehlt, das "Ja" mit dem Zusatz "Streik"
zu bekräftigen.
Für einen starken, kämpferischen und demokratischen
ÖGB!
Die Urabstimmung kann nur ein erster Schritt sein!
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