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Das Elend dieser Globalisierung
Von 1. bis 3. Juli 2001 herrscht in Salzburg
Ausnahmenzustand. Tausende PolizistInnen werden die Stadt bevölkern,
das Bundesheer wird an der Staatsgrenze aufmarschieren, Panik und
Hysterie machen sich in der Stadt an der Salzach breit. Der Grund:
Das WEF tagt und Proteste sind zu erwarten.
Von Markus Koza.
Das WEF (World Economic Forum) tagt wieder einmal. Nach
Davos ist diesesmal Salzburg dran. Und wie in Davos wird es auch
in Salzburg Gegenveranstaltungen geben. Und das aus gutem Grund,
gilt doch das WEF als eine jener Institutionen, die massives Interesse
daran hat, die Globalisierung mit neoliberalen - oder einfacher
gesagt kapitalistischem - Antlitz voranzutreiben. Aus diesem Grunde
werden sich an die tausend Unternehmer, Dutzende an Staatsoberhäuptern
sowie VertreterInnen der Medien und Wissenschaft in Salzburg einfinden,
um über die Lage der Welt im allgemeinen, und kapitaltauglichen
Strategien zur Durchsetzung neoliberaler Strategien im speziellen
zu diskutieren, Kontakte zu knüpfen und sich untereinander
zu vernetzen.
Was ist das WEF?
Das WEF wurde 1971 (damals noch als "European Management Symposium")
vom äußerst umtriebigen deutschen Betriebswirtschaftsprofessor
Klaus Schwab gegründet, der mit dem "World Economic Forum"
Topmanagern eine Vernetzungsplattform bieten wollte. Die "Non-Goverment-Organisation"
des Kapitals wird getragen von den profitabelsten, wachstumsstärksten
privaten Wirtschaftsunternehmen, darunter besondere Sympathieträger
wie McDonalds, Shell, Deutsche Bank, Nike oder Philip Morris. Oberstes
Ziel des WEF ist es, eine "globale Gemeinschaft zu bilden, eine
weltweite Vernetzung zwischen den Entscheidungsträgern aus
Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien". Neben dem jährlichen
Hauptgipfel im Schweizer Nobelskiort Davos werden immer mehr regionale
Konferenzen organisiert (Indien, Lateinamerika, Ostasien oder eben
auch in Salzburg) um konkret auf die regionalen Probleme eingehen
zu können und die internationale Geschäftswelt mit regionalen
politischen Führern in Kontakt zu bringen. Besonders stolz
ist das WEF darauf, eine Schlüsselrolle bei der Festsetzung
neuer wirtschaftlicher, politischer und sozialer Tendenzen und Stoßrichtungen
zu spielen. Und die sind ja bekanntlich neoliberal. So erstellt
das WEF den sogenannten "World Competitiveness Report", der die
Länder nach ihrer Wettbewerbsfähigkeit einstuft. Definiert
wird Wettbewerbsfähigkeit dabei als "institutioneller und politischer
Rahmen zur Förderung eines anhaltend raschen Wirtschaftswachstums,
und zwar vorausblickend über einen Zeitraum von fünf bis
zehn Jahren". Nun sind derartigen Akkumulationsstrategien des Kapitals
sowie der permanenten Mehrung privaten Reichtums ja vor allem hohe
Steuersätze, gewerkschaftliche Gegenmacht, sowie sozialstaatliche
Einrichtungen im Weg. Dementsprechend sind diese logischerweise
zu senken, zu zerschlagen oder abzubauen. Um die Wettbewerbsfähigkeit
der Staaten auszubauen. Ein wichtiger Punkt für das Gedeihen
der künftigen Weltgesellschaft ist die Verankerung des "Unternehmergeistes"
als allgemeingültige Ideologie: "Wir wissen, dass der Unternehmergeist
die Grundlage jeglichen wirtschaftlichen und sozialen Fortschrittes
ist." Nun, wir wissen es nicht, wir wissen vielmehr, dass die Grundlage
jeglichen wirtschaftlichen und sozialen Fortschrittes Analyse, Kritik
und Kampf ist, aber, werden wir belehrt, ist das alles ohnehin nicht
notwendig, muss doch der Unternehmergeist seine "soziale Verantwortung
wahrnehmen und danach handeln." (Klaus Schwab) Und wie die aussieht,
ist allgemein bekannt. Da erübrigt sich jeglicher Kommentar.
Das WEF in Salzburg ...
Nun treffen sich also die global Players in Salzburg. Themen werden
die EU-Erweiterung, Fragen der Biotechnologie, der Immigration,
der Arbeitsmärkte und Pensionsreformen sein. Dass dabei die
Hauptverursacher ökonomischer, sozialer und ökologischer
Krisen sich anmaßen, Lösungen für diese zu finden,
ist an Zynismus wohl kaum mehr zu überbieten. Gerade die EU-Erweiterung
und die Transformation ehemaliger Planwirtschaften in Marktwirtschaften
führen zu hohen sozialen Kosten, die die Bevölkerung hinnehmen
muss. Die BeitrittskandidatInnen sind ein bedeutendes Experimentierfeld
für neoliberale Ideologien: Gesundheits- und Pensionssysteme
werden weitestgehend privatisiert, die sozialen Unterschiede nehmen
bedrohliche Ausmaße an. Bis die "Mittel- und Osteuropäischen
Staaten" (MOEL) gleichberechtigte Partner in der EU werden, wird
es wohl auch noch brauchen, soll doch Migration aus den MOEL kurzfristig
verhindert werden. Und wenn es dann doch zu Migration kommt, müsste
diese erst einmal ihre "Nützlichkeit" beweisen.
Oder der Bereich der Biotechnologie: Unmengen an Geldern werden
in Forschung und Entwicklung investiert. Vorgeschoben wird der Kampf
gegen Hunger und Krankheiten. Eine gerechtere, globale Verteilung,
bessere Arbeitsbedingung, einfache Hygienemaßnahmen sowie
eine Förderung regionaler Wirtschaftsstrukturen würden
den Menschen in den betroffenen Regionen wohl mehr bringen, die
Gewinne der Konzerne jedoch schmälern. Daher: Abgelehnt! Und
wenn Finanzkonzerne die Reform der Pensionssysteme besprechen, lässt
dies auch nur Schlimmstes vermuten.
... und der Widerstand dagegen
Doch heute haben es die selbst ernannten globalen Vordenker nicht
mehr ganz so leicht. Wo immer sich RepräsentantInnen der neoliberalen
Globalisierung treffen, gibt es Proteste. Ob Seattle, Prag, Davos
oder Porto Allegre: Sie sind nicht mehr allein! Immer mehr Menschen
stößt es auf, dass demokratisch nicht im geringsten legitimierte,
männerbündische Organisationen, Kapitallobbies und Handelsorganisationen
über ihr Schicksal bestimmen. Und so gibt es auch in Salzburg
Gegenveranstaltungen. Eine davon wird von ATTAC-Salzburg unter dem
Motto "Salzburg 2001 - die andere Globalisierung" veranstaltet.
In vier Themenblöcken beschäftigen sich ExpertInnen aus
Ost und West sowie VertreterInnen entwicklungspolitischer Organisationen
mit den Auswirkungen kapitalistischer Globalisierung. Es gilt, dem
neoliberalen und totalitärem Marktgeschrei inhaltliche und
solidarische Alternativen entgegenzustellen - wie es etwa beim "Sozialgipfel"
im brasilianischen Porto Allegre geschah. Hier trafen sich an die
zwanzigtausend Menschen, soziale Initiativen und NGOs, um ihre Kritik
und ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Alternativen zu
formulieren. Am 1. Juli findet schließlich eine von Anti-WEF-Initiativen
organisierte Demonstration statt. Und wo sich GlobalisierungskritikerInnen
treffen, ist natürlich auch die Polizei nicht weit.
Kriminalisierung total
Wie bereits erwähnt, herrscht in Salzburg eine regelrechte
Sicherheitshysterie. Medien malen den GlobalisierungsgegnerInnenteufel
an die Wand: randalierende ChaotInnenhorden, die Salzburg dem Erdboden
gleich machen wollen, um friedliche und freundliche Spitzenmanager
beim lieblichen Zusammentreffen zu stören. Von fünftausend
PolizistInnen ist die Rede, die in Salzburg aufmarschieren und darauf
hinweisen, dass gegen das, was in Salzburg zu erwarten ist, die
Opernballdemo sozusagen ein Lercherlschas gewesen sein dürfte.
Die Grenzen werden dicht gemacht, Schulen in Lazarette umgerüstet,
die Apokalypse droht. Dabei ist die Mehrheit jener, die diese Form
der Globalisierung kritisieren, weder an Auseinandersetzungen mit
der Polizei noch an Straßenkämpfen interessiert. Vielmehr
geht es darum, gegen die tatsächliche Gewalt und ihre Repräsentanten
zu demonstrieren: denn wer für katastrophale Arbeitsbedingungen
sorgt, wer von Sklaverei stillschweigend profitiert, wer Lebensräume
zerstört und damit Gesundheit und Leben von Menschen gefährdet,
wer Sozialsysteme zertrümmern will und staatliche Repression
fördert und fordert - der ist wohl der wahre Gewalttäter.
ATTAC-Österreich kritisiert ganz entschieden den Versuch, GlobalisierungskritikerInnen
über den Versuch der Kriminalisierung mundtot machen zu wollen.
Es geht darum, jene Gewalt, die von der neoliberalen Globalisierung
ausgeht, offen anzusprechen. Es geht weiters darum, jenen, die meinen,
über das Schicksal von Milliarden von Menschen selbstgerecht
bestimmen zu können, entschieden entgegenzutreten. Und es geht
darum, verfassungsmäßig garantierte Grundrechte einzufordern.
Obs dem WEF nun passt oder nicht.
PS. Die Weltbanktagung in Barcelona wurde abgesagt.
Die angekündigten Proteste ließen die Weltbank die Flucht
ergreifen. Übrigens, die WTO, die Welthandelsorganisation,
die sich dermaleinst in Seattle traf, tagt das nächste mal
im Golfstaat Katar. Dort gibt es keine Parteien und es herrscht
ein allgemeines Demonstrationsverbot. Die WTO gilt als besonders
eifrige Verfechterin des "freien" Marktes. Freier Markt und Diktatur
- da wächst zusammen, was zusammengehört ...
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