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Aus dem Gewerkschaftsblätterwald
Wenn Gehrer ihre Weisheiten zum besten geben
darf, wenn Geldanlage mit Köpfchen angepriesen wird und Loblieder
auf das Verhalten der Polizei bei der diesjährigen Opernballdemo
gesungen werden ... richtig, dann ist frau/man bei der Zeitung der
"Gewerkschaft öffentlicher Dienst".
Von Markus Koza.
Über den Konflikt zwischen GÖD und Gewerkschaftsbasis
im Bereich der LehrerInnen wurde in der "Alternative" schon viel
berichtet. Wenn dann die Basis zu revoltieren beginnt und der Gewerkschaft
Inaktivität vorwirft, einen Beitragsboykott überlegt,
sich selber auf die Beine stellt um gewerkschaftlich aktiv zu werden
- ja dann gilt dies einigen sogar als gewerkschaftsfeindlich. Glückliches
Österreich, das mit seiner aufgeklärt-absolutistischen
Grundhaltung nach wie vor bei jedem Aufstand bzw. Aufständchen
die bange Frage stellt: "Ja, dürfens denn des?" um gleich darauf
mit einem klaren "Nein" zu antworten. Kritik an herrschenden Zuständen
ist in Österreich unbeliebt, widerspricht sie doch der Sehnsucht
nach dem ewigen und immerwährenden kollektiven Schulterschluss.
Wer kritisiert, stört die Harmonie und macht sich unbeliebt.
Wir haben damit leben gelernt. Und wir werden auch weiter machen
und Kritik dort üben, wos was zu kritisieren gibt. Und
Kritisierenswertes gibt es leider viel. Gerade auch bei den Gewerkschaften.
Und insbesondere auch bei der GÖD. Und ihrer Zeitung. Und dafür
sind wir nun mal wirklich nicht verantwortlich ...
"Börsen-Abc - Teil 3"
... heißts in der Überschrift "Einführung in die
wichtigsten Begriffe aus der Börsenwelt für alle, die
bis zu ihrer Pension mehr aus ihrem Geld machen wollen" dann weiter.
Nein, wir schreiben hier nicht vom Börse-Kurier, sondern von
einer Gewerkschaftszeitung. Und dann folgen Begriffsdefinitionen
von "Stock-Pricing" über "Switchen" bis hin zum "Trading".
Da wird erklärt was wie funktioniert, und was am meisten bringt.
Schöne heile Börsenwelt, die Wohlstand für diejenigen
verspricht, die nur wagemutig genug sind, sich auf das glatte Parkett
der Finanzwelt zu begeben. Nun, von Börsencrashes, Sharehoder
Value-Mentalität (obwohl der Begriff mit "S" beginnt und dementsprechend
in den dritten Teil passen würde), vom Elend der Wegrationalisierten
und ModernisierungsverliererInnen ist nicht die Rede, dafür
von "Erfolg durch Anlage mit Köpfchen". Mögen anderer
Gewerkschaften vor den Risken und Gefahren der Liberalisierung der
Kapital- und Finanzmärkte warnen, für die GÖD sind
sie scheinbar kein Thema. Und Solidarität mit den Betroffenen
der Börsenspekulation, oder der Forderung nach Regulierung
der Finanzmärkte ist schon gar nicht die Rede.
"Lebende Schutzschilder"
So ist ein Beitrag über die diesjährige "actionreiche
Opernballdemo" übertitelt. Und Action hat es ja tatsächlich
genug gegeben. Die Polizei habe ihre Aufgabe "100-prozentig erfüllt",
freut sich der Polizei-Vizepräsident von Wien. Nun ja, wenn
man das Abgehen von Deeskalationsstrategien und das systematische
verprügeln zahlreicher Unbeteiligter, DemonstrantInnen und
PassantInnen als Erfolg feiert, dann vielleicht. 21 verletzte PolizistInnen,
42 verhaftete und dutzende verletzte DemonstrantInnen sprechen eine
deutliche Sprache von der "besonnenen" Reaktion der Polizei. Wenn
selbst die "Kronen Zeitung", der alles links von Mölzer kommunismusverdächtig
erscheint, den Leserbrief eines Passanten abdruckt, der das Pech
hatte, an der Demonstration vorbeizuschlendern, und dafür auch
gleich einmal kräftig Prügel einstecken musste, dann kann
wohl irgendwas mit dem Polizeieinsatz nicht ganz gestimmt haben.
Von eingeschleusten, vermummten Polizeiprovokateuren in der Demonstration,
die die Stimmung anheizten, schreibt Marek natürlich nichts.
Schließlich könne frau/man ja niemanden daran hindern
privat an einer Demo teilzunehmen. Von Provokationen seitens der
Polizei, von ausrastenden Beamten, von einem unverhältnismäßigen
Mitteleinsatz, weiß Marek konsequenterweise auch nichts: "Jene
Leute, die behaupten, meine Beamten hätten das Gewaltpotenzial
angefacht oder sogar mit den Krawallen begonnen, haben keine Ahnung
von der Situation und wissen nicht, wovon sie sprechen." Nun, all
jene, die Prügel abbekommen haben und blutig bis krankenhausreif
geschlagen wurden, wissen sehr wohl, wovon sie sprechen. Sie, die
Opfer der "lebenden Schutzschilder" wurden und zum "Handkuss gekommen
sind", wie es auch Günter Marek zugibt. Doch schließlich
sei es für einen so richtig auf Touren gekommenen Polizisten
ja auch nicht leicht, zwischen "aggressiven oder nur neugierigen
Demonstranten zu unterscheiden", insbesondere dann, wenn es sich
bei den PolizistInnen um VertreterInnen des Rechtsstaates handelt.
Na, da darf frau/man schon mal zulangen, da muss frau/man schon
Verständnis haben, wenn einer dann einmal so richtig die Sau
rauslässt (wobei das Sau rauslassen natürlich nur dem
Polizisten zugestanden wird, nicht aber StaatbürgerInnen, die
ein Problem damit haben, verprügelt zu werden!). Und: schließlich
sehen die DemonstrantInnen ja alle gleich aus, wie auch Polizeipräsident
Stiedl meinte. Jedenfalls war auch bald klar, woher die paar Gewaltbereiten
aus den Reihen der DemonstrantInnen kamen: die Autonomen aus dem
EKH, dem einzigen besetzten Haus Wiens müssens sein, schließlich
sind die ja für alles verantwortlich, was nach Randalen und
Straßenkampf ausschaut. Und wers nicht glaubt, soll
beim Westenthaler anrufen (der wird einem dann auch noch bestätigen,
dass eigentlich die Petrovic an allem Schuld ist, aber wurscht einmal).
Die Razzia im EKH war schließlich ein würdiger Abschluss
für einen im Zeichen der Deeskalation stehenden Abend. Polizeikommandos
(unter ihnen auch die vermummten Polizeiprovokateure aus der Demo)
stürmten den Wohnbereich mit vorgehaltenen Waffen, die anwesenden
BeislbesucherInnen mussten mit an den Rücken gefesselten Händen
stundenlang auf dem Boden liegen, Redaktionsräumlichkeiten
wurden durchsucht, den BewohnerInnen mitgeteilt, dass heute für
sie die Menschenrechte nicht gelten würden. Schließlich
präsentierte die Polizei noch stolz ein ausgehobenes Waffenlager,
bestehend aus Pflastersteinen, einer Steinschleuder, Metallstücken
und Farbtöpfen (aus der Werkstatt im EKH). Nur, Photos von
diesem Waffenlager gab es keine, machen sich doch ein paar Steine
nicht besonders gut (statt der Dutzenden an Schusswaffen, die regelmäßig
bei Rechtsextremen oder liebenden Familienvätern, die gerade
Kinder und Frau ermordet haben gefunden werden), um irgend eine
linke Gefahr herbeizureden. Die Vorfälle rund um den Opernball
ließen schließlich selbst den des Linksradikalismus
unverdächtigen Hans Rauscher schreiberisch aktiv werden: Im
Standard empfahl er DemonstrantInnen künftig auf Demooutfit
zu verzichten und in Trachtenkostüm und blauem Schal auf Demos
zu erscheinen - um für jeden Polizisten klar und deutlich als
friedfertig erkennbar zu sein.
"Schutz für Demonstranten"
Letztlich darf natürlich in dem Beitrag über die Opernball-Demo
eines nicht fehlen: Der Verweis auf die Donnerstagsdemos und andere
Kundgebungen gegen die Regierung, die an die sechzig Millionen Schilling
an kostbaren Steuergeldern verschlungen hätten. Wobei natürlich
"Jeder das Recht hat, zu demonstrieren", das sei schon einmal festgehalten.
Und die Polizei inzwischen die Donnerstags-DemonstrantInnen vor
aggressiven Autofahrern schützen müsste, die zusehends
ausrasten. Ob die Polizei wohl hierbei ihre "Aufgabe 100-prozentig
erfüllt"? Nun von Massenverhaftungen von randalierenden Autofahrern
(hier kann wohl beruhigt die männliche Form verwendet werden)
ist nichts bekannt, dafür von Einkesselungen von friedlichen
DonnerstagsdemonstrantInnen in U-Bahnstationen. Scheinbar eine jener
gelungenen Polizeimaßnahmen, um DemonstrantInnen vor "ausrastenden
Autofahrern" zu schützen. Froh sein darf, wer solchen Schutz
genießt.
So viel zur Zeitung der GÖD, vom April 2001. Die UGöd-lerInnen
sind wahrlich nicht zu beneiden ...
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