| |
Shop 'round the clock
Nun ist es tatsächlich so weit: Ungeachtet
aller Erhebungen, die sowohl seitens des Handels als auch seitens
der KonsumentInnen keinen Bedarf an längeren Öffnungszeiten
ergaben, will der Wirtschaftsminister die Ladenöffnungszeiten
(fast) gänzlich freigeben. Profitieren werden davon allein
die Großkonzerne und Handelsketten.
Von Klaudia Paiha und Christoph Laimer.
Es ist kein Zufall, dass just eine Woche vor der Wiener
Wahl Bartenstein-Freund und Billa-Generaldirektor Veit Schalle sein
"Ladenöffnungs-Volksbegehren" an die Öffentlichkeit brachte.
Schon im Jänner vermutete die Gewerkschaft ein Stillhalten
des Wirtschaftsministers bis zur Wiener Wahl. Vielleicht liegt es
daran, dass selbst zirka neunzig Prozent seiner eigenen ParteigängerInnen
in einer market-Umfrage vom August 2000 angaben, mit den derzeitigen
Öffnungszeiten ihr Auslangen zu finden. Und dass die Klein-
und Mittelbetriebe mit einer Erweiterung der Ladenöffnungszeiten
auch nicht glücklich sind, ist ebenfalls kein Geheimnis. Angeblich
gibt es in der gesamten Wirtschaftskammer gar nur einen einzigen
Konzern, nämlich Billa, der die Totalliberalisierung fordert.
Nun, nach geschlagener Wahl, können wohl ohne größere
Probleme wieder die Interessen der finanzkräftigen Freunde
berücksichtigt werden.
Was kommt?
Geht es nach den Wünschen des Wirtschaftsministers, werden
die Geschäfte künftig zwischen Montags 0.00 Uhr und Samstags
17.00 Uhr beliebig offen halten können, wöchentlich maximal
72 Stunden. Aber auch "handelsähnliche" Dienstleistungsbetriebe,
wie Friseure, Kosmetiksalons, Reisebüros, Fotostudios, Schuhservice,
Copy-Shops und Banken sollen an die (neuen) Öffnungszeiten
des Handels angepasst werden. Durch die geplante Sortimentfreigabe
bei Tankstellenshops und Bahnhofs-Geschäften wird gleichzeitig
der Druck erhöht, generell auch den Sonntag zur Öffnung
freizugeben. Sämtliche Zulieferbetriebe und damit verbundene
Dienstleistungen wären natürlich ebenfalls betroffen.
Die großen Lebensmittelketten haben sich bereits Pacht- bzw.
Vorkaufsrechte bei den verkehrsgünstig gelegenen Tankstellen
gesichert. Billa hat darüber hinaus angeblich bereits Angebote
gemacht, bei entsprechender Gegenleistung die ins Stocken geratene
Bahnhofsanierung kräftig zu unterstützen.
Wer profitiert?
Als mögliche Gewinnerinnen von erweiterten Öffnungszeiten
werden oft die berufstätigen Frauen genannt. Interessanterweise
sind es aber gerade die Frauen, die in der genannten Umfrage zu
91 Prozent angaben, mit den derzeitigen Öffnungszeiten ihr
Auslangen zu finden. Bleiben immerhin noch neun Prozent, die nicht
damit auskommen. Immer wieder verbinden auch KleinstunternehmerInnen
mit einer Liberalisierung der Öffnungszeiten die legitime Hoffnung,
Nischen finden zu können, die ihren individuellen Bedürfnissen
und Möglichkeiten entgegenkommen. Ob diesen beiden Gruppen
aber geholfen werden würde, bleibt angesichts der Ergebnisse
einer im Auftrag des Wirtschaftsministeriums (!) erstellten Studie
über die Auswirkungen der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten
(Oktober 1998) mehr als fraglich.
Da heißt es beispielsweise: "Zweifellos wird der Wettbewerb
durch eine Liberalisierung der Ladenöffnung erhöht, was
tendenziell zu einer Verringerung der Ladendichte führen wird.
Verschärfter Wettbewerb würde die Rationalisierungsbemühungen
forcieren und wiederum negativ auf die Beschäftigung wirken.
Die Nahversorgungsproblematik würde sich damit (...) noch verschärfen".
Und: "Eine Verlängerung der Öffnungszeiten würde
zu einer Verschiebung zugunsten größerer und billigerer
Unternehmen führen".
Shopping & Event
Immer mehr setzt sich international die Kombination von Einkaufszentren
mit Freizeiteinrichtungen (z. B. Multiplex Vösendorf: Einkaufszentrum
+ Kino-Center) durch. Die ErrichterInnen von "Shopping-Malls" (Einkaufszentren),
"Urban Entertainment Centers", Erlebnisparks etc. werben bei Gemeinden
und Ländern oft mit dem Arbeitsplatzargument. Damit sollen
Widerstände abgewehrt und die Kommunen dazu gebracht werden,
die Ansiedlung der Betriebe nicht nur nicht zu verhindern, sondern
zu unterstützen. Speziell große Konzerne, wie z. B. Disney,
beherrschen es sehr gut, Städte gegeneinander auszuspielen
oder unter Druck zu setzen und diese zu zwingen, Steuernachlässe
zu gewähren, Grundstücke billig zu verkaufen oder gar
herzuschenken, über stadtplanerische oder umweltliche Bedenken
hinwegzusehen. Dem Disney-Konzern gelingt es z. B. regelmäßig,
die eigenen Investitionskosten bei seinen Projekten gering zu halten
und sich von den Kommunen und der lokalen Wirtschaft direkt oder
indirekt sponsern zu lassen. Für Österreich können
in diesem Zusammenhang die diversen Projekte des Frank Stronach
angeführt werden. Bei der Errichtung seiner Pferderennbahn
in Ebreichsdorf werden ganz klar umweltrechtliche EU-Vorschriften
verletzt, was offensichtlich offiziell geduldet wird.
Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen
Das Arbeitsplatzargument löst sich bei näherem Hinsehen
meist in Luft auf. Die geschaffenen Arbeitsplätze sind in der
Mehrzahl schlecht bezahlt und entsprechen atypischen Beschäftigungsverhältnissen.
Durch den Verdrängungswettbewerb werden kleinere AnbieterInnen
vom Markt gedrängt und Arbeitsplätze vernichtet. In Österreich
ging die Zahl der im Handel Beschäftigten (nach Köpfen
gezählt) von 421.342 ArbeitnehmerInnen 1995 auf 412.402 im
Jahresdurchschnitt 1999 zurück. Eine Erhöhung der Zahl
der Beschäftigten in einem bestimmten Sektor oder einer bestimmten
Zeitspanne ist meist nur eine Folge einer Umschichtung von Vollzeit-
auf Teilzeitbeschäftigung. Seit 1970 hat sich die Zahl der
Lebensmittelgeschäfte halbiert, zehn Prozent der österreichischen
Gemeinden haben keinen Nahversorger mehr.
Die Verkaufsfläche im Einzelhandel ist dagegen drastisch gestiegen
(1976: 5,5 Mio. m2; 1996: 12,1 Mio. m2). Shopping-Malls sind dabei
Vorreiter in Sachen Deregulierung des Arbeitsrechts und Liberalisierung
der Ladenöffnungszeiten. Die BetreiberInnen können sich
die oft lächerlich geringen Strafen für eine Verletzung
der Regelung der Ladenöffnungszeiten locker leisten und setzen
darauf, durch regelmäßiges Ignorieren der Gesetze, den
Druck auf den Gesetzgeber zu erhöhen, die entsprechenden Gesetze
im Sinne der Shopping-Malls und großen Handelsketten zu novellieren.
Handelsketten setzen auf die Methode, erst einmal einen Fuß
in der Tür haben zu müssen, um dann im Laufe der Jahre
die Forderung Schritt für Schritt umsetzen zu können.
So forderte die Wirtschaftskammer beispielsweise letzten Oktober,
jene Zugeständnisse an die ArbeitnehmerInnen, die mit der Einführung
der Arbeit am Samstagnachmittag gewährt worden waren, abzuschaffen:
Die Regelung über den freien Samstagnachmittag soll nach den
Wünschen der Sektion Handel in der Wirtschaftskammer genauso
fallen wie die geltenden Zuschläge für erweiterte Öffnungszeiten.
Weiters stehen u. a. auf dem Wunschzettel: die Erweiterung des Rahmens
für die Leistung von Überstunden und die ersatzlose Streichung
von Überstundenzuschlägen für Arbeit an den Weihnachtssamstagen
nach 13 Uhr.
Als Berater von Minister Bartenstein fungiert der deutsche "Öffnungszeitenexperte"
Uwe Täger, dessen Prognosen über den Anstieg der Arbeitsplätze
in Folge einer Liberalisierung der Öffnungszeiten in Deutschland
sich bereits als falsch herausgestellt haben. Täger sagte 1995
für Deutschland nach der Liberalisierung der Öffnungszeiten
einen Zuwachs beim Einzelhandelsumsatz um 140 Mrd. Schilling voraus.
Die Zahl der Arbeitsplätze im Handel sollte um 50.000 wachsen.
Das Ergebnis der Liberalisierung war eine massive Reduzierung von
Vollzeitarbeitskräften und sozialversicherten Teilzeitkräften
zugunsten eines Anstiegs der sozial nicht abgesicherten geringfügig
Beschäftigten. GewinnerInnen der Liberalisierung der Öffnungszeiten
waren fast ausschließlich umsatzstarke Betriebe mit großen
Verkaufsflächen und geringer Personalbesetzung. Eine Studie
des Meinungsforschungsinstituts Nielsen zeigt, dass die meisten
HändlerInnen in Österreich ihre Geschäfte vorrangig
nicht deswegen länger aufsperren, weil sie glauben, damit KundInnenwünsche
zu befriedigen, sondern weil es der Konkurrenzdruck verlangt. Dieselbe
Studie ergab, dass 16 Prozent der Vollzeitbeschäftigten und
rund 13 Prozent der Teilzeitbeschäftigten Mehrarbeit weder
bezahlt noch in Zeitausgleich abgegolten bekommen. Nur 59 Prozent
der Handelsangestellten können von sich behaupten, die ihnen
zustehenden Zeitzuschläge als Ausgleich für längere
Öffnungszeiten vollständig zu erhalten. Eine Mitbestimmungsmöglichkeit
bei der Arbeitszeiteinteilung ist für die Beschäftigten
nur selten gegeben. Ist sie gegeben, gilt das nur für die Stammbelegschaft
und geht zu Lasten der so genannten Randbelegschaft. Die ungünstigen
Arbeitszeiten werden von 65,5 Prozent jener, die ihren Arbeitsplatz
in einem Handelsbetrieb verlassen haben, als Grund dafür genannt.
Die schlechte Bezahlung nimmt hier mit 23,6 Prozent Platz Zwei ein.
Frauen sind von den Auswirkungen der Konzentrationsprozesse im
so genannten Versorgungshandel (dazu zählen Supermärkte
und Diskonter) besonders betroffen. Der Konkurrenzkampf unter den
immer weniger werdenden Handelsketten wird hauptsächlich über
den Preis ausgetragen. Personalkosten werden gesenkt, so weit es
geht. Aus- und Weiterbildung für Mitarbeiterinnen fallen praktisch
komplett weg. Auch die Zahl der ausgebildeten Lehrlinge geht im
Handel extrem stark zurück (1976: 39.000; 1997: 18.000) Die
beruflichen Aufstiegschancen für Frauen haben Grenzen, die
im besten Fall bei der Position einer Filialleiterin enden. Hauptgründe
dafür, warum die Karriere in den allermeisten Betrieben spätestens
hier endet, sind Teilzeitbeschäftigung und Kinder. Eine längere
Arbeitszeit ist mit den "familiären Verpflichtungen" nicht
vereinbar.
Im Vergleich zu Beschäftigten in anderen Sparten fühlen
sich Handelsbeschäftigte überdurchschnittlich belastet.
Genannt werden belastende äußere Umwelteinflüsse
wie Lärm, Hitze, Zugluft und Kälte, körperlich anstrengende
Arbeit durch Heben schwerer Lasten und psychische Belastungen, die
vor allem durch Verantwortung, Zeitdruck, Eintönigkeit und
Zwang zur Freundlichkeit entstehen. Bei einer Umfrage unter Beschäftigten
in Einkaufszentren, darunter SCS und Donauzentrum, zeigte sich,
dass die Arbeit unter Zeitdruck selbst für 34,3 Prozent jener,
die ihren Arbeitsplatz als "sehr gut" bezeichnen (das waren 13,5
Prozent der Befragten), eine Belastung darstellt. An zweiter Stelle
wird der störende Lärm genannt (GPA). Die generelle Arbeitszufriedenheit
ist extrem gering. Bei einer ISMA-Umfrage zu den Arbeitsbedingungen
im Handel gaben 34 Prozent an, dass sie, stünden sie noch einmal
vor der Wahl, "auf keinen Fall" mehr in einem Handelsbetrieb arbeiten
würden.
Umwelt und Verkehr
Die Ausweitung von Shopping-Malls durch Erlebnisparks bzw. umgekehrt
führt zu einem unglaublichen Flächenverbrauch. Bei kommerziellen
Freizeitanlagen beträgt der Flächenverbrauch bis zu 300
ha. Der Grad der Flächenversiegelung nimmt tendenziell zu.
Neu zu bauende Verkehrswege können Biotopverbundsysteme unterbrechen,
technische Installationen die Grundwasserneubildung beeinträchtigen.
Bei Erlebnisparks kommt es durch aufwendige Attraktionen zu einem
enormen Wasser- und Energieverbrauch. Nicht zu unterschätzen
ist auch der Lärm durch technische Anlagen und BesucherInnen
sowie die Auswirkungen auf Flora und Fauna durch die Veränderung
ehemals naturnaher Landschaften. Eine der bedeutsamsten Folgeerscheinung
von Entertainment- und Shoppingeinrichtungen auf der grünen
Wiese ist das Verkehrsaufkommen. Dem öffentlichen Verkehr sowie
"weichen Verkehrsarten" wie FußgängerInnen- und Fahrradverkehr
kommt meist eine geringe Bedeutung zu. Die Autokundenorientierung
zeigt sich nicht nur daran, dass solche Standorte bevorzugt werden,
die über eine überdurchschnittliche Erreichbarkeit für
Pkw-Besucher verfügen, sondern auch in den speziell auf motorisierte
Kunden ausgerichteten Vermarktungskonzepten.
Die hohe Nutzungsintensität der diversen Shopping- und Erlebniszentren
erfordert von den Kommunen oft große Infrastrukturinvestitionen,
die die Budgets stark belasten und zu einer einseitigen Ausrichtung
auf Megaprojekte führen. Speziell bei kleineren Ansiedlungsgemeinden
führen große Einzeleinrichtungen zu einem enormen Abhängigkeitsverhältnis
und zu Abstimmungsproblemen aufgrund der ungleich gewichteten Vor-
und Nachteilsrelationen. Eine deutsche Untersuchung hat gezeigt,
dass die erwarteten positiven wirtschaftlichen Auswirkungen bei
Freizeitgroßeinrichtungen für Gemeinden im Normalfall
nicht eintreten. Die zusätzlichen Steuereinnahmen sind meist
geringer als erwartet, die Ausgaben im Verwaltungs- und Infrastrukturbereich
dafür meist höher als kalkuliert. Bei Erlebnis-, Freizeit-,
und Themenparks führen hohe Eintrittspreise zu einer sozialen
Segregation, deren Auswirkung am stärksten ist, wenn die privaten
Anlagen ehemals öffentliche ersetzen bzw. verdrängen.
Zur sozialen Segregation trägt auch die notwendige Mobilität
zum Besuch der Einrichtungen bei, über die einkommensschwache
Gruppen nicht verfügen.
Abschließend soll betont werden, dass hier keinesfalls einer
romantischen Verklärung des Greißlerwesens das Wort geredet
werden sollte. Absicht war es, wieder einmal auf die vielen vermeintlich
kleinen Probleme hinzuweisen, die den immer zahlreicher und gleichzeitig
unkritischer werdenden Fans von Shopping-Malls, Urban Entertainment
Destinations, Erlebniswelten etc. meist keine Silbe wert sind.
Der vorangegangene Artikel wurde teilweise der aktuellen
Nummer 3 der Zeitschrift "dérive - Zeitschrift für Stadtforschung"entnommen,
die sich unter dem Schwerpunktthema "Spektakelgesellschaft" insbesondere
mit der Konsum-, Freizeit- und Erlebnisgesellschaft auseinandersetzt.
|
|