Nicht das System krankt, sondern die Regierung
Im Grunde waren sich ÖVP und FPÖ
einig, wie sie die Kassen sanieren wollen.
Von Wise Kessler.
"An Stelle der Krankenscheingebühr soll
ein System von Selbstbehalten in den Krankenversicherungen
- unter Ausnahme der sozial Schutzbedürftigen und Kinder
- entwickelt werden. Die Krankenkassenträger werden ermächtigt,
einen Selbstbehalt bis zu zwanzig Prozent in ihren Satzungen
festzulegen."
(Regierungsabkommen FP/VP)
Doch schon wenige Wochen nach dem Beschluss des Pakts
war sich die FPÖ nicht mehr so sicher. Haider und Co.
ahnten, dass sie damit nicht vor die WählerInnen treten
können. Ihr Untergang wäre vorgezeichnet.
Also sucht man einen anderen Sündenbock und findet
ihn in den Sozialpartnern und den selbstverwalteten Krankenkassen.
Der Hauptverband sei an allem schuld, eine Gegenregierung
und außerdem geführt von FunktionärInnen feindlicher
Parteien bzw. Gewerkschaften - also weg damit. Immerhin hätten
es die Kassen in der Hand ihre Probleme zu lösen, sie
kennen sie ja lange genug. Als das dann nicht so richtig zog,
kam das Argument, dass die KassenfunktionärInnen sich
weigern würden die gesetzlich fixierten Reformen der
Regierung umzusetzen.
Was jetzt? Entweder die Kassen sind selbstverantwortlich,
oder sie müssen umsetzten was die Regierung vorgibt -
dann ist aber die Regierung verantwortlich. Tatsächlich
haben es sich rot und schwarz in den vergangenen Jahrzehnten
in den Kassen ganz gut eingerichtet: Nach außen sind
fast alle Kassen in schönen meist dunklen Glaspalästen
untergebracht. Hinter der Fassade wird brav verwaltet, das
Sozialministerium macht die Gesetze dazu, damit nicht etwa
Ärztekammer, Pharmaindustrie oder aufmüpfige Länderchefs
glauben, Druck auf die schwachen Kassen ausüben zu können.
Jetzt ist der Sozialminister aber blau und das schön
aufgebaute Imperium schlägt - übernommen von der
FPÖ - zurück.
Das allerdings konzeptlos. Beispiel: "Krankenkassen-Gipfel
blieb ohne Durchbruch - Arbeitskreis soll in sechs Wochen
Lösungen erarbeiten" meldeten die Zeitungen am 2. März
2000, als zum ersten Mal von einem steigenden Kassendefizit
die Rede war. Nach dem Sozialpartnergipfel im heurigen Feber
klangen die Zeitungsberichte so: "Kassensanierung: Gipfel
blieb ohne Ergebnis - Regierung und Sozialpartner setzen Gespräche
fort." Tatsächlich geht es in der Diskussion vor allem
um politisches Kleingeld. Die Koalition steht auf Grund der
Diskussion um Selbstbehalte - die die FPÖ bei den Wahlen
nicht überleben würde - und Beitragserhöhungen
- die die ÖVP bei der Wirtschaft nicht überleben
würde - vor der Zerreißprobe. Vor der Wiener Wahl
nicht gerade ideal. Deswegen sollte das Thema auch erst danach
angegangen werden. In Wirklichkeit steht Österreichs
Gesundheitssystem aber international ganz gut da. Zwar haben
sich Österreichs Gesundheitsausgaben seit 1970 mehr als
verzehnfacht. Der Anteil am BIP stieg jedoch nur von 5,3 auf
8,3 Prozent. Damit ist das System im Vergleich - etwa zu den
USA (13,9 Prozent) oder Deutschland (10,7) - trotzdem sehr
günstig. Dennoch sind die ÖsterreicherInnen genauso
gesund oder krank wie in die Menschen in anderen Ländern.
Das eigentliche Problem ist, dass die Kosten stärker
steigen als die Einnahmen. Das gilt aber für alle Länder.
Solange der gesamten Bevölkerung nämlich eine medizinische
Versorgung nach dem letzten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse
versprochen wird, führt kein Weg an einer langfristigen
Steigerung der Ausgaben vorbei. Wer Gegenteiliges verspricht,
gibt sich entweder einer Illusion hin oder betreibt Täuschung
der Öffentlichkeit. Der Grund für die Steigerungen
sind einerseits die zunehmende Überalterung der Gesellschaft,
andererseits der medizinische Fortschritt. Mensch kann eben
nicht auf der einen Seite fast täglich über neue
Supertherapien gegen Krebs und sonstiges lesen, hören
usw. ohne in Kauf zu nehmen, dass das auch mehr kostet - die
tollen Ärztehonorare, Milliardengewinne der Pharmaindustrie
und anderer einmal ausgeklammert. Eine Strukturreform wäre
also durchaus angebracht. Und da geht es vor allem darum,
den Föderalismus etwas zu bremsen. Derzeit verteilen
nämlich Kassen, Länder, Gemeinden und Bund überall
ein bisschen Geld für die Gesundheitsversorgung - und
jeder zahlt ein bisschen für die Versorgung im niedergelassenen
Bereich und etwas für die Spitäler. Wer was wofür
zahlt ist so gut wie niemandem wirklich klar. Die Reform ist
aber auch aus anderen Gründen nötig. Das nächste
Problem kommt nämlich bestimmt. Spätestens in zwei
Jahren. Selbst wenn sich mit Einsparungen in der Verwaltung,
Medikamentenausgaben, Spitalskosten und in allen anderen Bereichen
der Kostenanstieg soweit bremsen lässt, dass die Kassen
wieder ausgeglichen bilanzieren. 2002 beginnen die Kassen
nämlich mit der Implementierung der Chip-Karte, die ab
Anfang 2003 flächendeckend eingesetzt werden soll. Die
neue Karte, die die Kassen 2002/03 rund 1,5 Milliarden kostet,
ersetzt dann den Krankenschein. und damit auch die Krankenscheingebühr,
die den Kassen sechs- bis siebenhundert Millionen einbringt.
Gleichzeitig glauben die ExpertInnen, dass damit auch das
steuernde Element wegfällt. So würden Arztbesuche
und Kosten wieder steigen - und das im für die Koalition
wichtigen Nationalratswahljahr.
Und eingeführt werden, was die Koalition bei ihrem
Amtsantritt versprochen hat: "An Stelle der Krankenscheingebühr
soll ein System von Selbstbehalten in den Krankenversicherungen
..." - das ist aber eine Sache für die Zeit nach der
Wiener Wahl.
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