| |
1. Teil | 2. Teil
| 3. Teil
Vom Elend des Privaten
Die österreichische Regierung liebt den
internationalen Vergleich: Nulldefizit, weils alle machen, Privatisieren
weils alle machen, Pensionssystem umbauen, weils - erraten - alle
machen. Die Resultate des neoliberalen Umbaus sind bedrohlich. Gerade,
wenn frau/man einen internationalen Vergleich wagt. Und gerade im
Pensionssystem.
Von Markus Koza.
Christian Ortner, Herausgeber des montäglichen Fellner-Ablegers
"Format" und neoliberaler Wendeleitartikler aus Überzeugung,
erfreut sich an den künftigen Ergebnissen blau-schwarzen Gesellschaftsumbaus.
Er träumt (Format 6/01) von einem Kabinett Gusenbauer/Pilz
(allerdings erst 2007) das vor vollendeten Tatsachen steht: Die
Restverstaatlichte ist vollständig privatisiert, Privatunis
mit zehntausend Euro Studiengebühren jährlich werden regelrecht
überrannt, die Börse Wien ist ein Zocker-El Dorado, Österreich
ist bei der Nato (aufgrund depperter Neutralitätshirsln erst
gemeinsam mit der Ukraine), der Budgetüberschuss beträgt
25 Milliarden Schilling, die Gewerkschaften endgültig entmachtet
und - ja und fünfzig Prozent der österreichischen Bevölkerung
sind privat sozialversichert. Und die neue rot-grüne Regierung
kann gar nichts mehr rückgängig machen, ist "blairisiert".
Sieben weitere Jahre blau-schwarz und der Rückfall in die kapitalistische
Urzeit, das ist für Ortner westeuropäische Normalität.
Da fragt sich der/die LeserIn berechtigt: Ist dieser Mensch noch
ganz normal?
Er hält sich dafür, genau so, wie viele andere auch,
die endlich die Chance sehen gründlich aufzuräumen, mit
Sozialstaat, Umverteilung, ArbeiterInnenbewegung und zivilisatorischen
Errungenschaften, die eigentlich selbstverständlich sein müssten.
Rinderwahn ist gegenüber solchen Ansichten harmlos. Der wahre
Wahn ist neoliberal. Und wo neoliberaler Wahn ist, darf auch Grasser
nicht weit sein. Und tatsächlich - als ob frau/man es geahnt
hätte - nur ein paar Seiten weiter stellt er sich auch schon
dem Interview: Nein, als ob er uns mit dem Nulldefizit nicht schon
genug angetan hätte, er möchte schon noch eine zweite
Legislaturperiode Finanzminister bleiben. Denn er "will nicht nur
eine wirtschaftspolitische, sondern auch eine gesellschaftspolitische
Wende herbeiführen". Und das braucht Zeit, bis wir dort sind,
wo er uns hinhaben will, "nämlich in einem freieren, liberaleren
Österreich," in einem "Land, in dem die Menschen nicht alles
vom Staat wollen, sondern viel mehr Eigenverantwortung tragen."
Vielleicht in einem Land wie Chile?
Musterland Chile
Chile könnte tatsächlich in etwa das sein, was er sich
so vorstellt. Die Freiheit, die sie meinen, wurde dort bereits im
Rahmen eines rechten Militärputsches gegen den demokratisch
gewählten marxistischen Präsidenten Allende verwirklicht.
Und die Militärs räumten auch bald mit den sozialstaatlichen
Überresten auf. 1981 fielen die Chicago-Boys über Chile
her, jene liberalen Ökonomen die im freien Markt endlich einen
tauglichen Gottesersatz gefunden haben, die ein kapitalgedecktes
privates Pensionssystem installierten (mit Versicherungspflicht),
das die Reinheit der Lehre garantierte. Zwanzig Jahre später
kann Bilanz gezogen werden, über das neue, dem Umlagesystem
angeblich überlegene private Rentensystem. Neun Pensionsfonds
gibt es noch in Chile, sämtliche privat, die vier größten
sind mehrheitlich in der Hand ausländischer Unternehmen. Die
Verwaltungs- und Verfahrenskosten liegen bei zwanzig bis fünfundzwanzig
Prozent der eingezahlten Beiträge (in den öffentlichen
Pensionskassen der BRD 1,5 Prozent, in Österreich etwa 1,8
Prozent). Effizientes privates Wirtschaften? Drei mal kurz gelacht!
Wer die versprochene vierprozentige Rendite bekommen will, muss
eingezahlt haben. Das können aber immer weniger: Von 1983 bis
1999 ist die Anzahl derjenigen, die regelmäßig ihre Beiträge
zahlen von 71 Prozent auf 45 Prozent gesunken. Die anderen erbringen
ihre Beiträge entweder unregelmäßig oder gar nicht
mehr. Formell versichert dieses System zwar 95 Prozent der Bevölkerung
(5,9 Millionen Mitglieder) tatsächlich aber nur 2,9 Millionen,
der Rest verfügt einfach nicht über ausreichende Geldmittel.
Da sich aber in einem privaten System die Auszahlungen an den Einzahlungen
orientieren und sozialer Ausgleich in privaten Pensionssystemen
nicht vorgesehen ist, besteht die Gefahr der Altersarmut. So ist
es dann auch: Zwanzig Millionen Pesos wären notwendig, um im
Alter ein bescheidene Pension zu erhalten. 1996 hatten jedoch 47
Prozent der RentnerInnen weniger als fünfhunderttausend Pesos
auf ihrem Pensionskonto angespart, 35 Prozent bis drei Millionen,
sieben Prozent bis zu fünf und nur 1,7 Prozent mehr als fünf
Millionen! Die Pensionen, die mehrheitlich von diesem System zu
erwarten sind, werden lediglich für zwei bis drei Jahre reichen.
Das Ö1-Journal-Panorama zum Thema Chile kam dementsprechend
auch zum Schluss: "Das teuerste System, mit den schlechtesten Leistungen
und einigen wenigen Pensionsfonds, die profitieren." Mehr ist dazu
nicht zu sagen.
Das britische Pensionsdebakel
Aber, könnte nun jemand sagen, was für ein Schwellenland
Südamerikas gilt, muss nicht für hochindustrialisierte,
europäische Staaten gelten. Gut, betrachten wir England: Maggie
Thatcher und ihr Nachfolger John Major, die europäische Variante
des Hardcore-Kapitalismus, begannen Mitte der achtziger Jahre mit
dem Umbau eines ohnehin nicht besonders gut entwickelten Pensionssystems.
Die üblichen Argumente: zu teuer und ungünstige Altersentwicklung.
Bis dahin beruhte das britische Pensionssystem auf fünf Säulen:
da gab es eine sehr niedrige staatliche Grundpension, eine beitragsfinanzierte
einkommensabhängige Zusatzpension (SERPS genannt), die betriebliche
und individuelle Altersvorsorge. Als fünfte Säule kam
noch die Sozialhilfe ins Spiel, die für einkommensschwache
PensionistInnen einen gewissen Ausgleich für die niedrige Grundrente
(rund eintausend Schilling wöchentlich) darstellen sollte.
Die unter Labour eingeführte SERPS führte bis Mitte der
achtziger Jahre zu einem deutlichen Rückgang der Altersarmut.
Heute fallen rund siebzig Prozent der britischen RentnerInnen in
die unterste Einkommenskategorie, vierzig Prozent erhalten Sozialhilfe.
Was war passiert? 1986 wurde die "Fowler"-Reform, benannt nach
dem konservativen Sozialminister, eingeleitet. Begleitet von der
üblichen neoliberalen Rhetorik ("Wahlfreiheit der BürgerInnen",
"mehr Eigenverantwortung", "Abbau von Lohnnebenkosten") wurde die
SERPS-Pension de facto halbiert, und der Umstieg zu den betrieblichen
und privaten Pensionskassen propagiert. Der Staat sollte nur mehr
Aufsichtsorgan über die privat organisierter Vorsorge werden.
So stieg die Zahl der privaten Altersvorsorgeverträge von 4,4
Millionen 1985 auf stolze 18,7 Millionen 1996. Parallel zu dieser
Entwicklung ging die betriebliche Pensionsvorsorge der Unternehmen
zurück. Haben Anfang der achtziger Jahre die Betriebe noch
für 52 Prozent aller Beschäftigten eine Pensionskasse
organisiert, sank diese Zahl bis Anfang der Neunziger auf 45 Prozent.
Der Grund: die Unternehmen stellten immer mehr ArbeitnehmerInnen
mit befristeten Verträgen ein, für die keine betriebliche
Pensionsvorsorge getroffen werden musste. Der konservativen Regierung
unterlief jedoch ein entscheidendes Versäumnis: die Altersvorsorge
wurde zwar privatisiert, die Kontrolle der privaten Vorsorge jedoch
sträflich vernachlässigt.
Millionen Geschädigte
Als 1991 aufflog, dass der gerade verstorbene Medienzar Robert
Maxwell, fünf Milliarden Pfund aus der Pensionskasse seines
Konzerns zum Stopfen der riesigen Finanzlöcher seines Medienimperiums
verwendet hatte, waren Tausende seiner Beschäftigten um ihre
Pensionen umgefallen. Nun war offensichtlich, dass die Regierungsaufsicht
kläglich versagt hatte. Der Pensionsskandal weitete sich aus.
Nicht nur bei Maxwell war die Regierung säumig gewesen. Millionen
Versicherte waren beim Umstieg in die private Altersvorsorge von
den Versicherern schlecht, unseriös und falsch beraten worden:
insgesamt waren zwei Millionen Versicherte um zirka fünfzig
Milliarden Schilling umgefallen. Die Blair-Regierung versuchte zwar
durch "naming und shaming" (öffentliche Nennung besonders säumiger
Versicherungen) unseriöse oder unvorsichtige Pensionsfonds
öffentlich an den Pranger zu stellen, hält jedoch an der
privaten Pensionsvorsorge nach wie vor fest. So will Blair zwar
ab 2002 - angesichts der grassierenden Altersarmut - eine "State
Second Pension" einführen, die einkommensschwache Schichten
sozial abfedern soll, begleitet wird jedoch auch diese Maßnahme
von weiteren steuerlichen Anreizen die den Druck auf den Eintritt
in ein privates Rentensystem erhöhen soll. Übrigens: auch
in Großbritannien übersteigen die Verwaltungs-, Werbungs-
und Verfahrenskosten in den Privatversicherungen die Zwanzig-Prozent-Marke!
Zwei Beispiele die nicht gerade für den Systemwechsel sprechen.
Dabei sind die katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Katastrophen
die Finanzspekulationen (unter reger Beteiligung amerikanischer
Pensionskassen) in Staaten des Trikonts angerichtet haben, noch
gar nicht erwähnt. Forciert wird der globale Umbau der Versicherungssysteme
von Weltbank und OECD. Die Weltbank veröffentlichte 1994 die
international angelegte Studie "Averting the Old Age Crisis", die
an das chilenische Modell angelehnt ist. Sie enthält vor allem
die Forderung nach einem Mehr-Säulen-Modell mit eindeutiger
Präferenz zur privaten Pensionsvorsorge. Der Staat soll als
"Umverteilungssäule" eine Art Sozialhilfe garantieren, die
"Sparkapitalsäule" sollte die tatsächliche Altersvorsorge
darstellen. Eine dritte Säule stellen die privaten Ersparnisse
dar. Grenzenlos zynisch wird die Empfehlung, wenn vor allem Entwicklungs-
und Transformationsländern (dem ehemaligen Ostblock) die Einführung
dieses System nahegelegt wird, wo ein überwiegender Teil der
Menschen tagtäglich mit dem Überleben kämpfen muss.
Experimentierfeld der Weltbank sind in Europa vor allem Ungarn und
Polen. Die Weltbank legt jedoch auch den westlichen, industrialisierten
Staaten einen entsprechenden Umbau nahe. Sekundiert wird sie von
der OECD, die 1998 in "Maintainig Prosperty in an Aging Society"
ebenfalls die Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens befürwortet.
Alle sollen die Segnungen des freien Kapitalmarkes zu spüren
bekommen. Und wie! Dass diese Vorschläge auf fruchtbaren Boden
fallen ist umso dramatischer, da doch die zwanziger Jahre eindrucksvoll
bewiesen haben, wohin der totalitäre Herrschaftsanspruch des
Marktes führt. Die Katastrophe der Weltwirtschaftskrise, und
in der Folge Faschismus, Weltkrieg und millionenfacher Massenmord
- das alles ist noch gar nicht so lange her. Auch heute zeigt der
Wirtschaftsliberalismus über Ausgrenzung all jener, die nicht
mitkönnen (sogenannte Modernisierungs- oder GlobalisierungsverliererInnen),
steigende Armut und Sozial- bzw. Demokratieabbau in Wirtschaft und
Staat seine autoritäre Fratze. Neoliberalismus und Demokratie
sind Gegensatzpaare. Der Kampf um den Erhalt des öffentlichen
Pensionssystems ist damit auch eine demokratische Frage. Es lohnt
sich, ihn zu führen.
|
|