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Der ganz normale Rentenwahnsinn
Kinder sind ja so egoistisch. Sie geben ihrem
Vater nicht das kleinste Stück von ihrer Torte ab. Da kann
er betteln so viel er will. Und dieser Generation sollen wir einmal
vertrauen? Versicherungen und Kapitalanlagegesellschaften wissen
um die Ängste des Alterns. Sie kennen auch den Ausweg, der
für sie am besten ist: die private Pensionsvorsorge.
Von Markus Koza.
Die ArbeitnehmerInnen der Industriestaaten sollen
nun also privat Vorsorgen. Versicherungen, Banken und Pensionsfonds
trommeln auch schon fleissig: sie nehmen den geplagten ArbeiterInnenseelen
die Sorgen ab (so lange diese nur brav zahlen), sie sorgen dafür,
dass wir finanziell nicht von der Ego- und Funjugend abhängig
sein werden, sie sagen uns, wie wir auch noch mit 70 und 75 leben
wie mit 50 oder 55. Sie wissen schliesslich auch, dass es um viel,
ja sehr viel geht: nämlich zig-Milliarden an Schillingen, über
die sie künftig verfügen, die sie veranlagen können.
Von ArbeitnehmerInnen einbezahlt, die doppelt vorsorgen bzw. versorgen
sollen bzw. müssen.
Öffentlich gegen Privat
Das öffentliche Umlageverfahren hängt von hohen Beschäftigungszahlen
ab. Nur diese garantieren, dass genügend Gelder in die Pensionstöpfe
fliessen. Es hängt jedoch auch von der "Qualität" der
Beschäftigung ab, also von der Höhe der Einkommen, die
ja die Bemessungsgrundlage für die Pensionsbeiträge darstellt.
Und es hängt letztlich von der Bereitschaft der Politik ab,
wie viel Budgetmittel zur Finanzierung des Pensionssystems bereitgestellt
werden. Ganz anders verhält es sich bei der privaten Pensionsvorsorge:
Die privat Vorsorgenden erhoffen auf den freien Finanzmärkten
eine hohe Rendite ihres angelegten Geldvermögens, wollen sie
doch im Alter eine möglichst hohe Privatpension erzielen. Hohe
Renditen ergeben sich jedoch entweder über risikoreiche Veranlagungen
(siehe "Die Private Pensionsfalle", Alternative 12/2000, Seite 4)
oder über eine Unternehmenspolitik, die höhere Aktienkurse
sowie Unternehmensgewinne verspricht.
Diese Politik geht jedoch regelmässig auf Kosten der Beschäftigten:
Ausdehnung der Arbeitszeiten, Rückbau sozialer Errungenschaften,
Flexibilisierung, Reallohnkürzungen, Arbeitskräfteabbau.
Diese Massnahmen stehen im eklatanten Widerspruch zum Funktionieren
eines umlagefinanzierten Pensionssystems. Diesem wird damit die
Finanzierungsbasis entzogen! Die ArbeitnehmerInnen stehen damit
vor einem Grundkonflikt: ihr Hoffen auf den Aktienmarkt bedroht
sie selber zugleich. Denn zukünftige RentnerInnen bleiben weiterhin
auf die Entlohnung ihrer Arbeitskraft angewiesen. Diese wird jedoch
nicht zuletzt durch den Zusammenhang von Finanzmärkten und
Beschäftigung zunehmend ungesicherter. Falle pur!
... und auch noch doppelt belastet
Der Umbau des Pensionssystems bringt den Älteren Kürzungen
der laufenden Pensionen über Abschlagszahlungen im Falle früheren
Pensionsantritts, sowie im Rahmen verabschiedeter Pensionsreformen
niedrigere Pensionsniveaus. Damit steigt das Armutsrisiko im Alter
wieder dramatisch. Die Perspektive für die jüngere Generation
liegt im doppelten Zahlen: einerseits muss sie die laufenden Pensionen
finanzieren, andererseits muss sie privat vorsorgen. In Österreich
muss die private Pensionsvorsorge zumindest tausend Euro (also ca.
öS 13.000) ausmachen, wollen die ArbeitnehmerInnen nicht eine
Kürzung des Arbeitnehmerabsetzbetrages hinnehmen. Für
geringe EinkommensbezieherInnen einfach nicht finanzierbar, was
zu einer doppelten Bestrafung führt: Einerseits geringere öffentliche
Pensionen in der Zukunft, andererseits höhere steuerliche Belastungen
in der Gegenwart. Jene, die sich die private Pensionsvorsorge leisten
können (müssen), werden künftig deutlich mehr für
die Finanzierung des Pensionssystems aufbringen müssen, als
bisher.
Rentenreform in der BRD
Deutschland kann als Vorreiter der Umstellung des Pensionssystems
vom Umlagesystem auf ein duales, mit zusätzlicher Kapitaldeckung
angesehen werden: die rot-grüne Regierung hat beschlossen,
das sogenannte Standardrentenniveau von (Verhältnis der Nettorente
nach 45 Jahren mit Durchschnittsverdienst zum durchschnittlichen
Nettoentgelt der Aktiven) von heute 70,7 auf rund 68,5 Prozent (bis
2010) bzw. 64,5 Prozent (bis 2030 gesenkt werden). Im Gegensatz
dazu soll die private Eigenvorsorge von 0,5 im kommenden bis auf
4 Prozent der Bruttogehälter 2008 angehoben werden. Gesamtziel
der bundesdeutschen Rentenreform ist, dass die Beiträge zur
paritätisch finanzierten gesetzlichen Rentenversicherung 22
Prozent (davon 11 Prozent Arbeitgeber) nicht überschreiten.
Tatsächlich wird jedoch von den ArbeitnehmerInnen verlangt,
15 Prozent ihrer Bruttoentgelte zur Rentenvorsorge beizusteuern:
nämlich 11 Prozent zur gesetzlichen, um die laufenden Pensionen
zu finanzieren und 4 Prozent zur - riskanten - privaten!
And the winner is ...
... wie nicht anders zu erwarten ist, die Unternehmensseite. Nicht
nur, dass sie sich aus der gemeinsames Pensionsvorsorge herausstiehlt,
und damit die paritätische Pensionsvorsorge praktisch der Vergangenheit
angehört. Warum die Unternehmen nur maximal elf Prozent Anteil
an der gesetzlichen Pensionsvorsorge tragen können, weiss niemand,
könnte jedoch auf Grund der Willkürlichkeit dieser Zahl
aus dem Ideenfundus des österreichischen Wunderwuzzis Finanzminister
Grasser persönlich stammen. Die bundesdeutsche Rentenreform
forciert damit weiter die Umverteilung von den ArbeitnehmerInnen
zu den Unternehmen: Während die Nettolöhne aufgrund der
privaten Pensionsvorsorge weiter schrumpfen, werden die Pensionsbeiträge
der Unternehmen gedeckelt. Wir sehen also - hier am Beispiel Deutschland
- dass ArbeitnehmerInnen alles zugemutet werden kann, jede Art von
Steuer- oder Beitragserhöhung , Unternehmen dagegen nicht.
Das ist rot-grüne Verteilungspolitik, made in BRD.
But the absolute winner is ...
... natürlich der Finanzsektor und seine Unternehmen, hier
in erster Linie natürlich die grossen Versicherungskonzerne
und Kapitalanlagegesellschaften. Die Memorandum-Gruppe, ein Zusammenschluss
linker und alternativer ÖkonomInnen in der BRD (sozusagen die
Schwesterorganisation des österreichischen Beigewum), schätzt,
dass bis 2010 an die 600 Mrd. DM als private Pensionsvorsorge angespart
werden. Das führt natürlich zu einer deutlichen Stärkung
der bundesdeutschen institutionellen Anleger an den internationalen
Finanzmärkten. Garantieren müssen sie den Versicherten
eine Mindestrendite von 3,25 Prozent. Da lassen sich - bei positiver
Entwicklung der Finanzmärkte - satte Gewinne machen. Und falls
nicht, haben eben die AnlegerInnen Pech gehabt. Es verwundert daher
nicht, dass Versicherungen, Grossbanken und Kapitalanlagegesellschaften
zu den grossen BefürworterInnen der rot-grünen Rentenreform
gehören. Pikantes Detail am Rande: die deutsche Bundesregierung
möchte die Garantie, dass die Auszahlungen an die Versicherten
zumindest den geleisteten Einzahlungen entsprechen gesetzlich verankern.
Die Finanzbranche wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen.
Soweit nur zum Vertrauen in die Finanzmärkte ...
Und was tun Arbeitslose?
Es ergibt sich noch ein weiteres Problem. Wir haben gesehen, dass
die private Pensionsvorsorge für einkommensschwache Schichten
kaum leistbar ist. Nun können jedoch auch einkommensstärkere
Schichten schnell in eine finanzielle Krise geraten: im Falle von
Arbeitslosigkeit. Wie sollen Arbeitslose nun (diesmal wieder Österreich)
im Jahr die (mindestens!) öS 13.000 für ihre private Pensionsvorsorge
aufbringen, wenn sie von einem durchschnittlichen Arbeitslosengeld
von öS 9000 leben müssen? Die Versicherungsinstitute werden
in diesem Fall ja wohl kaum auf die Einzahlungen verzichten. Arbeitslosigkeit,
ohnehin schon die Armutsfalle schlechthin, wird zu einer noch stärkeren
finanziellen Belastung. Arbeitslosigkeit, die unter anderem dadurch
entstanden ist, dass Millionen ArbeitnehmerInnen private Pensionsvorsorge
betreiben und der Druck der Finanzmärkte sie hinwegrationalisiert
hat.
All equal?
Nun sind Versicherungen und Banken - wie alle kapitalistisch organisierten
Unternehmen überhaupt - ja nicht gerade Wohltäter an der
Gesellschaft, sondern primär an Profiten und einem Zuwachs
an Marktmacht interessiert. Das Anbieten privater Pensionsvorsorge
wäre für sie kein Thema, würden nicht Milliarden
und Abermilliarden die Kampfkassen der Finanzunternehmen füllen
und damit ein mehr an Macht, Einfluss, bis hin zur Monopolstellung,
versprechen. Nun sind jedoch nicht alle künftigen PensionistInnen
gleich. Sollten sie im Alter alle ihr Geld bekommen - was ja angesichts
der Instabilitäten der Finanzmärkte nicht im geringsten
garantiert ist - gibt es eine Kategorie Mensch, die leider eine
höhere Lebenserwartung hat, als es den Versicherern lieb ist:
nämlich die Frau. Was tun? Nun haben die Pensionsversicherer
liebevoll "Sterbetafeln" erstellt, die die unterschiedlichen Lebenserwartungen
von Männern und Frauen auflisten und dementsprechend die Basis
für die Berechnung der zu leistenden Beträge seitens der
Versicherten und der Versicherer darstellen. Das Resultat: Frauen
zahlen mehr ein, kriegen jedoch weniger raus. Zumindest in vielen
Fällen. Und zwar in so vielen, dass die stellvertretende Klubobfrau
der Grünen, Madeleine Petrovic im Parlament einen Entschliessungsantrag
einbrachte, der vom Sozialministerium einen umfassenden Bericht
über die frauendiskriminierenden Praktiken der Versicherungsunternehmen
einfordert. Auf das Ergebnis dürfen wir gespannt sein.
Volkswirtschaftliche Auswirkungen
Wir haben bereits einige volkswirtschaftlichen Folgen herausgearbeitet:
einerseits der erhöhte Druck der Finanzmärkte auf die
ArbeitnehmerInnen sowie die weitere Umverteilung von den ArbeitnehmerInnen
zu den Unternehmen. Ein weiterer wesentlicher Aspekt: der Rückgang
der Binnennachfrage. Umverteilung zulasten der Masseneinkommen geht
stehts einher mit einem Rückgang der Binnennachfrage und damit
zu einem weniger an Wachstum, Beschäftigung und einem mehr
an Arbeitslosigkeit. Denn die Schwäche der privaten Nachfrage
kann nicht auf Dauer durch steigende Auslandsnachfrage (und damit
einhergehenden Aussenhandelsdefiziten bei den Importeuren, die diese
ja auch einmal abbauen müssen) abgedeckt werden. Während
die private Pensionsvorsorge die Masseneinkommen schwächt,
und die angesammelten Pensionsbeiträge von den Versicherungen
nur begrenzt in produktive und arbeitsplatzschaffende Investitionen
gelenkt werden, sorgt die umlagefinanzierte Pensionsversicherung
dafür, dass Pensionsbeiträge in der gleichen Periode -
in Form von ausbezahlten Pensionen - wieder in Konsumausgaben zurückfliessen.
Das öffentliche Pensionssystem zeigt auch hier seine offensichtliche
Überlegenheit. Bleiben noch die Auswirkungen auf die staatliche
Wirtschaftspolitik: dominierende Finanzmärkte machen die Wirtschaftspolitik
in noch stärkerem Ausmass als bisher erpressbar: Die Drohung,
angesammeltes Kapital abzuziehen, veranlasst Regierungen unter der
Parole "den Finanzplatz zu stärken" den Forderungen und Interessen
der Finanzkonzerne nachzukommen, sprich: Privatisierung, Flexibilisierung,
Deregulierung und Liberalisierung. Selbst eingebrockt aufgrund falscher
politischer Entscheidungen unter selbst auferlegten Zwängen.
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