Männer schützen ihr Geldsäckel
Neue Studien zur Lohndiskriminierung von Frauen
in der Schweiz: Für Männer ist es ein gutes Geschäft, zu heiraten
- sie verdienen danach mehr. Bei Frauen ist es umgekehrt - ihr Lohn
sinkt. Zwei neue Studien zur Lohndiskriminierung der Frauen.
Von Mascha Madörin.
An einem Bein ungeprüfte Hypothesen, am
anderen unüberprüfbare Slogans - so humpelt die Nationalökonomie
daher", sagte Joan Violet Robinson, Zeitgenossin von Keynes und
Begründerin des Linkskeynesianismus: "Unsere Aufgabe liegt hier
darin, diese Mischung von Ideologie und Wissenschaft so gut es geht
auseinander zu halten." Ohne statistisches Material ist dies allerdings
kaum möglich, und was die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz
anbelangt, standen in der Schweiz bis zu Beginn der neunziger Jahre
nur rudimentäre Statistiken zur Verfügung.
Die Situation hat sich inzwischen verbessert. Seit kurzem liegen
nun auch zwei Publikationen vor, die - auf Basis der schweizerischen
Arbeitskräfte- und Lohnstrukturerhebungen - die Thesen über die
Ursachen von geschlechterspezifischer Lohndifferenz genauer unter
die Lupe nehmen. Die eine ist Tobias Bauers Buch "Die Familienfalle",
die andere eine Studie des Gleichstellungsbüros und des Bundesamtes
für Statistik, die von Yves Flückiger und José Ramirez von der Universität
Genf verfasst wurde.
Die Entwicklung der Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern
weist für die letzten dreissig Jahre deprimierend wenig Fortschritte
auf. Frauen verdienten 1960 im Durchschnitt 32 Prozent weniger als
Männer. 1996 waren es 29,6 Prozent, heute etwa 28 Prozent. Die drei
Wissenschaftler überprüfen, ob und inwieweit die gängigen Thesen
der neoklassizistischen Humankapitaltheorie diese Lohndifferenz
zu erklären vermögen. Diese führt Lohnunterschiede in der Hauptsache
auf Unterschiede bei der Ausbildung und bei der Berufserfahrung
zurück.
Beide Publikationen kommen übereinstimmend zum Schluss, dass bei
gleichwertiger Ausbildung diese bei Männern besser bewertet wird
als bei Frauen. Je höher die Ausbildung, desto grösser ist die Lohndifferenz
zwischen Männern und Frauen, insbesondere in der Privatindustrie.
Auch die Berufserfahrung nützt den Frauen für das berufliche Fortkommen
wesentlich weniger als den Männern. Hingegen wirkt sich erstaunlicherweise
die Zahl der Dienstjahre im gleichen Betrieb für Frauen tendenziell
positiver aus als für Männer.
Bezüglich Teilzeitarbeit hat sich das Bild seit Beginn der neunziger
Jahre bemerkenswert geändert. Männer verdienen bei Teilzeitarbeit
nach wie vor weniger als bei vergleichbarer Vollzeitarbeit. Das
war 1991 auch für Frauen der Fall, gilt inzwischen aber nicht mehr.
Frauen in Teilzeitstellen haben nun sogar einen Bonus von sechs
Prozent gegenüber Frauen in Vollzeitstellen. Das trifft allerdings
für prekäre Arbeitsverhältnisse (zum Beispiel bei Arbeit auf Abruf)
nicht zu. Insgesamt werden Frauen beim Staat bedeutend weniger diskriminiert
als in der Privatwirtschaft, und in der Privatwirtschaft stehen
überraschenderweise die kleinen Betriebe besser da als die grossen.
Heirat als Lohnkiller
Ein denkbar schlechtes Geschäft für Frauen ist das Heiraten. Verheiratete
Männer bekommen 4,5 Prozent mehr Lohn als unverheiratete. Frauen
werden hingegen mit durchschnittlich 3,7 Prozent Lohneinbussen bestraft,
wenn sie verheiratet sind. Corinne Chaponnière schreibt in der Kurzfassung
der Genfer Studie: "Es handelt sich dabei zweifellos um ein Phänomen,
das in den Vorurteilen der ArbeitgeberInnen gegenüber verheirateten
Frauen begründet liegt, wonach diese Frauen weniger lang im Betrieb
bleiben, weil sie Kinder haben werden. Umgekehrt verbinden die ArbeitgeberInnen
die Ehe bei den Männern mit grösserer Stabilität." Dieses Vorurteil
ist in der Privatwirtschaft sehr viel ausgeprägter als beim Staat.
Tobias Bauer verwendet die gleichen statistischen Verfahren wie
die Genfer Ökonomen, arbeitet aber vor allem mit der Methode typisierter
Biografien. Dies erlaubt ihm, den Zusammenhang zwischen Familienverhältnissen,
Familienarbeit und Erwerbssituation von Frauen genauer auszuleuchten
und analytisch zu erfassen. Bauer kommt dabei zu den folgenden Ergebnissen:
Auch die beste Ausstattung mit Humankapital - sprich eine gute Ausbildung
und lange Berufserfahrung - nützt der verheirateten Frau vergleichsweise
wenig. Was die Berufserfahrung anbelangt, so liegt der höchstmögliche
Lohnzuschlag, den verheiratete Frauen erreichen können, bei fünfunddreißig
Prozent. Eine durchgehend erwerbstätige Single-Frau erreicht demgegenüber
einen Lohnzuschlag von fünfzig Prozent, Männer können maximal einen
Zuschlag von fünfundfünfzig Prozent erreichen.
Während Frauen, die nicht verheiratet sind, von Ausbildungen beruflich
profitieren, ist dies bei verheirateten Frauen mit einer mittleren
Berufsausbildung nicht der Fall. Bei verheirateten Frauen fällt
erst eine Berufsausbildung von mehr als sechs Jahren positiv ins
Gewicht, was der Ausbildung an einem Technikum, an einer höheren
Fachschule oder gar an einer Universität entspricht. Junge Frauen
machen aber vorwiegend Berufsausbildungen, die zwischen zwei und
fünf Jahren dauern. Der verheerendste Faktor für die Lohnzumessung
bei verheirateten Frauen ist der vorübergehende Erwerbsausstieg
und die Belastung durch Familienarbeit. Bauer schreibt in der Schlussfolgerung:
"Der Vergleich der typisierten Biografien belegt, dass geschlechtsspezifische
Lohnunterschiede primär durch die Partner- und Kindersituation bestimmt
werden. Während die Lohndifferenz bei Singles rund fünf Prozent
beträgt, steigt sie bei einer Ehe mit zwei Kindern auf über vierzig
Prozent an."
Erfahrung nicht gleich Erfahrung
Beide Studien versehen die ziemlich leere Landkarte der Geschlechterdiskriminierung
im Erwerbsleben mit faszinierenden neuen Informationen und Orientierungspunkten.
Welche Konsequenzen hat das nun für die humpelnde Nationalökonomie?
In beiden Studien kommen die Autoren zu einem brisanten Resultat:
Die statistischen Daten widersprechen dem gängigen, neoklassischen
Ansatz, wonach die Lohndifferenzen vor allem auf unterschiedliche
Ausstattung des Humankapitals der Beschäftigten - Ausbildung und
Berufserfahrung - zurückzuführen ist. Rund sechzig Prozent der Lohndifferenz
zwischen Männern und Frauen lassen sich nicht mit Unterschieden
bei der Humankapitalausstattung erklären.
Zum gleichen Schluss kommt auch eine vergleichende Studie zu den
Verhältnissen in den USA und Schweden. Die Lohndifferenz zwischen
Männern und Frauen ist in den USA dreimal höher als in Schweden
und beträgt ähnlich wie in der Schweiz dreißig Prozent. Wenn der
US-Arbeitsmarkt das Humankapital gleich bewerten würde wie der schwedische,
wären die Frauen in den USA in der gleichen Situation wie die Schwedinnen,
lautet das Fazit der Studie.
Die "Neue Zürcher Zeitung" hat die Aussage der Genfer Studie zur
beschränkten Relevanz des Humankapitalansatzes als "gewagt" qualifiziert
und moniert, dass Erfahrung nicht einfach gleich Erfahrung ist.
Weshalb ist das so? Hier gibt es zwei mögliche Ansätze, die Analyse
voranzutreiben. Der eine, den die Autoren beider Studien wählen,
geht vom Humankapitalansatz als Ausgangspunkt aus und differenziert
die Analyse weiter, indem er weitere Umstände ausserhalb der Erwerbsarbeit
identifiziert, so zum Beispiel die Familienverhältnisse und die
ausserberufliche Arbeitsbelastung.
Die Grenze dieses Ansatzes ist, dass immer noch ein unerklärlicher
Restposten bleibt, der irgendwie erklärt werden muss, zum Beispiel
mit Vorurteilen und Borniertheiten der Personalverantwortlichen.
So hat beispielsweise der neoliberale Ökonom Gary S. Becker Anfang
der siebziger Jahre einen Teil der Lohndifferenz mit einem Lohnabzug
erklärt, den sexistische Arbeitgeber tätigen, um den psychischen
Stress, den sie mit Frauen haben, zu kompensieren. Damit hat er
die Rationalität der Märkte gerettet, denn dafür, dass diese bevölkert
sind von sexistischen Arbeitgebern, kann die Marktökonomie ja nichts.
Eine andere geläufige Interpretation spricht von "statistischer
Diskriminierung" und meint damit, dass Frauen Lohnabschläge bekommen,
weil sie als unberechenbarer eingestuft werden, da sie Kinder zu
haben drohen; oder weil die Berufserfahrung bei Frauen weniger standardisiert
ist als bei Männern.
Selbstprivilegierung der Männer
Es gibt jedoch einen anderen Erklärungsansatz, der interessanter
ist, weil er von der unterschiedlichen ökonomischen Interessenlage
von Frauen und Männern ausgeht und gleichzeitig die Machtverhältnisse
mit einbezieht. Dieser Ansatz findet sich in der sogenannten Institutionellen
Ökonomie, die in den USA in der Linken eine vergleichbare Bedeutung
hat wie der Marxismus in der europäischen.
Die institutionelle Ökonomie geht im Unterschied zur neoklassischen
davon aus, dass Märkte immer in eine Vielzahl von institutionellen
Bedingungen eingebettet sind, die sie in eine bestimmte Richtung
lenken, sozusagen in die aus Herrschaftssicht richtige Richtung.
Dieser Ansatz erlaubt, einen Zusammenhang herzustellen zwischen
ökonomischen Interessen und beispielsweise Vorurteilen gegenüber
berufstätigen Frauen. Männliche Arbeitskräfte wollen ihre Vorteile
in der Beurteilung ihrer Arbeitsleistung und beruflichen Potenz
nicht verlieren und wenn möglich noch dazugewinnen. Sie setzen sich
deshalb kollektiv dafür ein, dass die Organisation der Erwerbsarbeit,
die Reorganisationen bei der Einführung neuer Technologien und die
Bewertung der Arbeit von vornherein so strukturiert und institutionalisiert
sind, dass Frauen schlechter wegkommen und disqualifiziert werden.
Sie schlagen eine "Insiderrente" für sich heraus, wie es im ökonomischen
Jargon heisst.
Mit dem Ansatz der institutionellen Ökonomie sind Analysen von
Machtverhältnissen und die Frage, wie denn Männer ihre Interessen
durchsetzen, besser zu leisten als mit den neoklassischen Humankapitaltheorien.
Auch gleichstellungspolitisch ist es von Bedeutung, ob die Lohndifferenz
als "Wettbewerbsmangel" und Behinderung von Frauen oder als Selbstprivilegierung
von Männern verstanden wird. Die Entmischung von Ideologie und Wirtschaftswissenschaft
hat noch einen weiten Weg vor sich.
zur Autorin: Mascha Madörin ist Ökonomin in der Schweiz.
Der Artikel ist der WochenZeitung "WoZ" 29/00 vom 20. Juli 2000
entnommen.
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