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Zeitreise
Ein halbes Jahr mit "Ärzte ohne Grenzen" im Norden
Afghanistans, das ist nicht nur kilometermässig eine weite Reise.
Von Lisa Langbein. >> Info
zur Autorin
Eine Pause machen, Abstand gewinnen, das war nur eines meiner
Motive, es ist darüber hinaus auch um die Erfüllung eines alten
Wunsches gegangen. Immer schon wollte ich als Krankenschwester im
Ausland arbeiten. Bei "Ärzte ohne Grenzen" deshalb, weil sie seit
etwa dreissig Jahren meines Erachtens ziemlich anständig, ordentlich
und professionell international helfen. Aber ausgerechnet Afghanistan?
Nach einigem Nachdenken: warum nicht Afghanistan - die afghanische
Bevölkerung lebt seit über zwanzig Jahren im Krieg, dort wird Hilfe
gebraucht.
Um es gleich zu sagen, ich kann nichts über die Situation der Gewerkschaften
in Afghanistan berichten. Dort, wo ich war, gab es keine. Der Norden
des Landes war nie industrialisiert und alle Ansätze von technischem
Fortschritt sind längst im Krieg zerstört worden. Kein Strom, keine
Strassen, kein öffentlicher Verkehr, kaum Schulen, wenig Produktion.
Dafür Staub, Steine, Erdbeben, Gewalt und Armut. Die Provinz ist
bisher nicht von den Taliban erobert worden, sie gehört zur Nördlichen
Allianz und ist weitgehend abgeschnitten von der übrigen Welt. So
muss das Leben im Mittelalter gewesen sein, wenn auch einige Stilbrüche
in diesem "Bild" sind. So gibt es einige wenige Autos, viele Gewehre
und ganz Wohlhabende können sich Strom über einen Generator oder
E-Mail über Satellitentelefon leisten - so hab ich auch meine Briefe
geschickt, denn Postweg gibt es keinen. Für Gesundheit und Bildung
gibt es kein Geld.
"Ärzte ohne Grenzen" unterstützt das Krankenhaus von Faizabad.
Es ist das einzige Spital in der Region, das über einen Operationssaal
verfügt, aber es mangelt an allem. Medikamente müssen gebracht,
verwaltet und verteilt werden. Das Spital braucht grundlegende Rehabilitation,
es ist seit vielen Jahren nichts repariert worden. Das Personal
braucht Schulung und Fortbildung. Das waren im Wesentlichen die
Aufgaben, die sich stellten.
Es gibt keinen Mangel an Personal im Krankenhaus von Faizabad,
ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen gibt es reichlich. Viele von ihnen
sind nicht ganz freiwillig da, nicht alle konnten vor den Taliban
aus den grösseren Städten ins Ausland fliehen. Einige gingen in
den Norden, besonders wenn sie Familie dort haben. Und hier sind
sie, mitten im Mittelalter, arbeiten unter unsäglichen Bedingungen
und werden nur sporadisch und gering bezahlt. Es gibt kein fliessendes
Wasser, die Latrinen sind am Gelände draussen und der Staub ist
überall. Jetzt gibt es zumindest für die KrankenhauspatientInnen
Medikamente. Sprünge im "Bild" auch hier, "westlich" ausgebildete
ÄrztInnen, die in den grossen Städten vor dem Krieg gelebt haben,
möchten natürlich mehr als die notwendigsten Medikamente, sie möchten
den Standard, den sie hatten. Tatsächlich hat Afghanistan eine der
grössten Kinder- und Müttersterblichkeiten der Welt und die durchschnittliche
Lebenserwartung ist wenig über vierzig. Viel wird gebraucht, das
gesamte Gesundheitswesen ist fast nicht existent. Die Menschen sterben
nicht nur infolge der Schusswechsel und Schwangerschaften, sie sterben
auch an Malaria, Tuberkulose, Typhus, Durchfallerkrankungen und
Lungenentzündungen. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist durch
dauernde Mangelernährung schlecht.
Das Land wird seit langem durch Gewalt regiert, es existiert im
Wesentlichen nur das Gesetz der Stärkeren. Soziale Sicherheit kann
allenfalls noch die Familie bieten, auf dieser Struktur ist die
zivile Gesellschaft aufgebaut. Familie und Verwandtschaft haben
eine grosse Bedeutung. Das darf aber nicht romantisch gesehen werden,
auch dort regiert, viele haben es mir erzählt, die Gewalt. Besonders
die gegen Frauen und Kinder. Frauen können nicht nur nicht ohne
Burkha aus dem Haus, dieser Ganzkörperumhang mit dem Sehgitter ist
die Spitze des Eisberges. Frauen dürfen keine Männer, die nicht
zur Familie gehören, sehen und nicht gesehen werden. Frauen dürfen
sich keinerlei Bewegung ausser Haus leisten, wenn nicht Ehemann
und Vater einverstanden sind. Ehen werden arrangiert, die EhepartnerInnen
sehen einander bei der Hochzeit (falls nicht beide zur selben Familie
gehören, was auch oft vorkommt). Frauen haben keinerlei eigene Rechte.
Freilich, wenn die Männer einverstanden sind, dann können sie im
Norden noch ausser Haus gehen, können zur Schule, wenn das möglich
ist, oder können auch arbeiten gehen, wenn es eine solche gibt.
Aber nie können sie selbst über ihr Schicksal bestimmen. Durch das
Gesetz der Gewalt und der Gewehre ist der Anpassungsdruck sehr hoch.
Aber auch das Bildungswesen ist im ganzen Land so gut wie nicht
mehr vorhanden. Unter den Taliban ist sozusagen die Nichtbildung
zum Grundgesetz geworden, allenfalls gehen die Buben in Koranschulen,
wo sie ausser der strikten Auslegung des Korans fast nichts lernen.
Höhere Schulen und Universitäten gibt es kaum mehr. Im Norden fehlen
die Mittel für Schulen, auch LehrerInnengehälter sind seit Jahren
nicht bezahlt worden. Wenn fast keine EinwohnerIn des Landes mehr
imstande ist, eine Rechnung zu schreiben oder einen halbwegs qualifizierten
Beruf auszuüben, dann hat das Land seine Zukunft verloren und bleibt
noch lange den Kalaschnikoffs überlassen ...
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