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Im Gefängnis ohne Türen

Brief aus Afghanistan (2).

Von Lisa Langbein. >> Info zur Autorin 

Es gibt hier nur einen Ausgang, und der ist über den Himmel. Das hat ein Mann gesagt, es war am Flugfeld, und es stimmt. Verlassen, vergessen in den Bergen, abgeschnitten von der Welt, das ist Badakhshan. Es gibt eine einzige Strasse, ein Teil der alten Seidenstrasse, bei uns ginge sie nicht einmal als Forstweg durch, quer, von Mazar über Taloquan herein nach Badakhshan und weiter nach Tadjikistan. Also zwei mögliche Tore, das eine versperrt durch die Frontlinie und das andere durch tadjikische und russische Grenzer. Sonst unzugängliche Berge überall. Reisen ist schwierig hier, tagelang sind die Männer zu Fuss unterwegs von den entlegenen Gebieten nach Faizabad und zurück, mit grossen Säcken am Rücken. Und das Leben ist schwierig. Kein Geld, keine Jobs, wenig Felder und die oft steinig, dafür Krieg, Gewehre, Kanonen, Erdbeben und Krankheiten. Ja, das Leben ist schwer, die Menschen altern schnell, auch die Männer. Und das, obwohl es eine Männerwelt ist. Männer haben alle Rechte, nur gibt es keine Rechte. Das Gesetz ist, wer das Gewehr hat. Der Mangel an Jobs und Schulen lässt wenig Möglichkeiten, denn Soldat werden ist oft die einzige Möglichkeit zu überleben. Die wahre Regierung ist die Gewalt. Die Rechte der Männer sind, sich frei bewegen zu können, sich unterhalten, Neuigkeiten auszutauschen, einzukaufen, subsidäre Wirtschaft zu treiben und Herrscher über ihre Familien zu sein. Unbeschränkt über die Frauen und Mädchen.

Erst der Esel, dann die Kuh, das Feld, die Söhne und irgendwann die Frau, sie spielt keine Rolle hier. Kommt nicht vor. Im Strassenbild erscheinen Frauen als bunte Kegel, meist hellblau, manchmal auch weiss oder grün, ganz und gar eingehüllt. Aber anständige Frauen erscheinen möglichst wenig im Strassenbild. Sie bleiben hinter den Mauern, die alle Häuser umgeben und sie bleiben unsichtbar. Kommt ein Mann der nicht zur Familie gehört an die Tür, verschwinden sie. Existieren nur durch die Mahlzeiten, die sie durch jüngere männliche Famlienmitglieder für die Gäste schicken. Die Rechte der Frauen existieren nicht in dieser Gesellschaft der Gewalt. Einer unserer Mitarbeiter schätzt, dass 99,5 Prozent aller Frauen geschlagen werden. Meine Dolmetscherin, keine Freundin der harten Worte, stimmt dem zu, ja, leider hätten die Männer diese Angewohnheit. Die Männer der Familie entscheiden über das Schicksal der Frauen, Naija kann nur als meine Dolmetscherin arbeiten, weil Vater, Schwiegervater und Gatte zugestimmt haben. Und sie passt dauernd auf, dass sie keine Fehler macht und nicht auffällt. Und was wäre, wenn die Männer ihrer Familie auch zustimmen, dass sie keine Burkha trägt? Unmöglich. Andere Männer sähen es, und die haben die Gewehre, die kämen sofort in ihr Haus. Die Burkhas bleiben dicht und unten, nur wenn kein Mann in Sicht ist, dann kann der Vorderteil hinaufgeschlagen werden, sodass Frau ein bisserl sieht solange sie nicht gesehen wird. Die Ehen werden von den Familien arrangiert. Oft kennt die Frau den Mann nicht, den sie heiraten soll. Und wenn sie ihn kennt, dann gehört er zur Familie. Hochzeiten zwischen Cousins sind durchaus üblich und längst ein Problem in der Gegend. Nur wenige Frauen können sich gegen die Familienarrangements wehren, eine gute Chance haben sie nur, wenn sie ausgebildet sind. Relativ viele der Ärztinnen sind unverheiratet. Aber es gibt kaum mehr Ausbildung in diesem Land.

Die Hochzeit ist eine grosse mehrtägige Zeremonie, ein gesellschafltiches Ereignis erster Klasse, und kostet sehr viel Geld. Danach übersiedelt die Braut ins Haus der Familie des Mannes. Und ihr Leben und Schicksal liegt in deren Händen. In Händen, die sehr oft schlagen. Es kommen die Kinder, und es kommen viele, der Zugang zu Verhütungsmittel ist hier schwer. Nicht alle Kinder überleben, die Sterblichkeitsrate der Kinder unter fünf Jahren liegt bei 23 Prozent. Trotzdem ist zehn, elf, Geschwister haben hier ganz normal. Viele Mütter sterben, Schwangerenbetreuung gibts nur selten, Geburtshilfe wird von weiblichen Verwandten geleistet. Natürlich fordern Krieg und Seuchen auch männliche Opfer, aber übrig bleiben wieder die Frauen. Ohne Familie wird deren Leben noch schwerer. Entscheidet sich eine Witwe, wieder zu heiraten, dann muss sie meist ihre Kinder verlassen. Nur selten ekzeptiert ein neuer Ehemann mitgebrachte Kinder. Nicht wenige der Kinder im Waisenhaus sind deshalb dort. Entscheidet sich die Frau aber für ihre Kinder und will nicht mehr heiraten, dann steht sie vor der Unmöglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen.

Dann bring ich mich um. Das hat Simin ohne eine Sekunde Zögern gesagt bei der Vorstellung, dass Badakhshan von den Taliban erobert wird. Sie hat in Kabul Pharmazie studiert, für sie ist das Leben hier schon kaum erträglich. Eingesperrt in Tschadori, Mauern, und tagsüber in der Apotheke wird sie immer müder und trauriger. Dabei hat sie einen Job, verdient relativ viel Geld und ist ausgebildet. Das bisserl auch noch zu verlieren wäre ihr unerträglich. Auch die Schwestern im Spital, sie kommen oft zu spät, manchmal ein paar Tage gar nicht, sie kriegen kaum Bezahung, aber sie kommen doch, letztendlich ziemlich regelmässig. Nicht nur um die PatientInnen zu betreuen, auch um Kontakt zu haben, zu reden und zu leben. Dafür nehmen sie lange Wege in Kauf und einen Vormittag ohne Essen und Trinken im kalten, wahrhaftig ungastlichen Spital. Eng ist das Leben der Frauen hier, noch viel enger ist es von den Taliban gewollt. Immerhin, in Badakhshan können die Frauen aus dem Haus gehen, wenn auch verhüllt, sie brauchen nicht immer Begleitung. Und prinzipiell ist es ihnen erlaubt ausser Haus zu arbeiten. Noch haben sie zumindest minimale Bewegungsfreiheit ... 

Heute fliessen unsere Tränen

Eine Rede von Dr. Wakila, gehalten am 8. März 2000 vor etwa 250 Frauen in Faizabad, Badakhshan, Afghanistan.

Wenn eine Hand der Frau die Wiege bewegt dann bewegt die andere Hand die Welt. Was ist geschehen, um hier alles zu verändern, was ist geschehen, dass das Bewegen einer Wiege Gefangenschaft bedeutet, Gefangenschaft im Haus, und Verbot von Bildung. Welches Verbrechen haben die Frauen begangen dass sie ihrer Rolle in der Gesellschaft beraubt wurden?

Wenn es Frauen nicht erlaubt ist zu lernen und zu lehren, was wird es für die Zukunft der neuen Generation in unserem Land bedeuten? Wir hatten bedeutende Frauen in unserem Land, die für die Rechte der Frauen kämpften, wie Malalay, Zanghonas, Mahboobas, Mastooras und Mukhfes, jetzt sind wir allein. Wenn einst die kommende Generation die Geschichte der Frauen studieren will, was wid sie studieren? Gott behüte, wiwr wollen nicht, dass afghanische Frauen wie die europäischen erscheinen, in allen Details. Wir wollen nur, dass die afghanischen Frauen sein sollen wie afghanische Frauen. Wenn die heilige Religion des Islam keine Rechte der Frauen akzeptieren würde, wir würden es akzeptieren. Aber wir können nicht akzeptiren dass Fremde unsere Persönlichkeit und unsere Rechte gewaltsam unterdrücken. Die Feinde unseres Landes begriffen recht gut dass afghanische Frauen teilhatten an allen Ereignissen des Lebens, gleich wie die Männer, sogar am Schlachfeld. Frauen und Männer teilten sich die Rollen in der Gesellschaft. Jetzt haben Fremde einen Fluch über uns gebracht und entfernten die Frauen aus der Gesellschaft. Heute fliessen unsere Tränen über die Lage der Frauen an diesem historischen Tag. Die Rolle der afghanischen Frau ist gestorben und kein Denkmal erinnert an sie, so sollten wir heute beten, für die Tote.

Es gibt keine Schulen, keine Universitäten für die jungen Menschen. Einmal, wenn Frieden sein wird im Land, was werden wir tun mit der grossen Zahl an ungebildeten Frauen und Männern, die ausgeschlossen waren von jeglicer Bildung? Eine Gesellschaft, die von solchen Menschen geführt wird wird leicht in die Hände der Feinde unseres Landes fallen. Um ihre Bedürfnisse zu erfüllen werden sie alle Arten von Arbeit tun, wer wird verantwortlich sein für diese Situation?

Wir haben gehört und gesehen, dass viele Länder Schwierigkeiten und Kämpfe haben, wir haben auch von geschlossenen Schulen und Universitäten gehört, aber nie haben wir gehört dass Frauen in irgendeinem islamischen Land so verdammt wurden wie wir hier. Pakistan gibt den Befehl die Rechte der afghanischen Frauen zu vernichten, im eigenen Land tun sie es nicht. Und ein Dank an US-Amerika, das gut achtgibt, dass afghanische Frauen nicht verletzt werden durch das Verlassen ihrer Häuser oder durch bezahlte Arbeit.

Die Generation 2000 in Europa benützt ihre Hände mit Computern, die afghanische Generation benützt sie zu schiessen. Wie hat sie das verdient?

Es wird Zeit, das Land wieder aufzubauen. Wir müssen aller Welt zeigen dass wir mutig und stark sind, wie unsere Vorfahren. Jetzt seid ihr die Helden Afghanistans. Das Land ist seit zwanzig Jahren im Krieg und wir können keinen Krieg mehr ertragen in unserem Land. Die Zukunft der Frauen verschwindet, es wird Zeit, schliessen wir uns zusammen, alle, Frauen und Männer, wo immer wir sind, wir sind die Menschen um unsere Häuser selbst zu errichten. Versuchen wir um Bildung und Wissen zu kämpfen sodass wir uns in Zukunft nicht schämen müssen, schon morgen kann es unmöglich sein und dann wird jede Antwort schwer.

Mit Hoffnung und Wünschen für Frieden in unserem zerstörten Land.

Dr. Wakila ist Gynäkologin im Krankenhaus von Faizabad