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Brief aus Afghanistan

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Erde, die Menschen leben seit über zwanzig Jahren im Krieg, erst gegen die russischen Besatzer, dann gegeneinander im Bürgerkrieg.

Von Lisa Langbein. >> Info zur Autorin 

 

Badakshan, 3. Dezember 1378

Seit einigen Jahren ist das Land geteilt. Derzeit werden etwa zwei Drittel von den Taliban regiert, das nordöstliche Drittel gehört zur Nord-Allianz. Die Front bewegt sich immer wieder, die Kämpfe hören nicht auf, nur im Winter kehrt etwas Ruhe ein. Über die Taliban und ihr Regime wird zu selten, aber doch berichtet, von der Nord-Allianz wissen wenige. Ihr Hauptproblem ist, dass sie eine Allianz verschiedener Commander ist, die untereinander keineswegs immer einig sind. Und es gibt viele Commander, grosse, wie Massud und Dustem und unzählige kleine und kleinere. Hier wird nach dem Recht der Waffen gelebt, es gibt sonst schon lang keine Sicherheiten und kein Gesetz mehr.

Und wo ist Badakhshan?

Badakhshan ist die nördlichste und ärmste Provinz Aghanistans. Gebirgig, steinig, seit jeher wild, arm, rebellisch und unzugänglich, beinahe vergessen von der Welt und abgeschnitten von allem, was wir als "Zivilisation" gewohnt sind. Es gibt keine Industrien, keine Wasserleitungen, kein Abwassersystem, keinen Strom, keine asphaltierten und nur wenige befahrbare Strassen, kaum Autos, Benzin und Diesel sind unerschwinglich teuer, sogar Holz ist rar, und der Esel ersetzt den Kleinwagen, es gibt viele Esel. Es gibt kaum Schulen und kein funktionierendes Gesundheitswesen Viele grosse Gebiete des Landes sind komplett von der Umgebung abgeschnitten, sie sind nur zu Fuss, zu Pferd oder mit Esel, in tagelangen Reisen zu erreichen, und das nur in der warmen Jahreszeit. Man schreibt hier das Jahr 1378, im zwölften Monat (Jahreswechsel ist zu Frühlingsbeginn).

Die Hauptstadt von Badakshan ist Faizabad. Eine Stadt der Ruinen und Reste an der alten Seidenstrasse, ganz aus Lehm erbaut. Hier lebt auch Professor Rabbani, der noch immer Präsident von Afghanistan ist und hier ist auch das Krankenhaus der Region. Es ist das grösste Spital in der weiten Umgebung und das einzige weit und breit. Seit fast einem Jahr unterstützt "Ärzte ohne Grenzen" dieses Krankenhaus.

Im Feber 2000 arbeiten Dr. Riccardo Grifoni, Chirurg aus Ancona, Italien, Gregory Pead, Krankenpfleger aus Perth, Australien und Lisa Langbein, Krankenschwester aus Wien, in Österreich in Faizabad. Ihr Ziel ist, ausser der Lieferung von Medikamenten, den medizinischen und hygienischen Standard des Krankenhauses zu verbessern. Das ist eine Herausforderung, der Bau ist zwar erst etwa fünfzig Jahre alt, in dieser Zeit ist allerdings viel kaputtgeworden und wenig hergerichtet. Es gibt kein sauberes Wasser, es gibt nur einen Generator für zeitweisen Strom im Operationssaal, im Kreissaal gibt es kein Licht, ebensowenig in den Stationen, es gibt keine effiziente Heizung, die Latrinen sind im Gelände, mindest fünfzig Meter vom Krankenhaus entfernt, die Betten sind alt, Bettzeug, ja sogar die Matratzen fehlen, es gibt keine effiziente Wäscherei und die Abfallentsorgung klappt nur rudimentär. Dazu kommt, dass durch die sandige Bodenbeschaffenheit der allgegenwärtige Staub in fast allen Jahreszeiten zum Problem wird. Tatsache ist, dass die eigentliche Betreuung der PatientInnen, wie waschen, betten, Essen und Trinken geben die Sache der Angehörigen ist. Sie sind es, die die Kranken ins Spital bringen, sie bringen auch das Bettzeug, Holz zum Heizen, Tee und Essen und sie bleiben da, auch über Nacht.

Das Einzugsgebiet ist riesig. Viele Tage sind Kranke zu Fuss, getragen, per Esel oder auch Pferd, unterwegs, um medizinische Hilfe zu erhalten. Das bedeutet, dass die Menschen, die im Spital liegen, oft recht spät ins Krankenhaus kommen. Wenn eine Frau nach drei Tagen Wehen und danach sechs Stunden Eselritt eintrifft, ist es nicht immer möglich, zu helfen, obwohl sie gar nicht so weit weg wohnt...

Es gibt keinen Mangel an ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen im Krankenhaus von Faizabad, die meisten sind aus Kabul oder den anderen grösseren Städten hierher geflohen. Sie sind nicht glücklich und nicht heimisch hier und die industrielle Arbeitsmoral hat hier noch keinen Einzug gehalten. Dafür haben zwanzig Jahre Krieg und Unsicherheit die bestehenden Regeln ausser Kraft gesetzt oder verändert.

Badakhshan gehört zur Nord-Allianz, es ist auch den Frauen hier erlaubt für Geld zu arbeiten, wenn ihre Familie einverstanden ist Bezahlte Arbeit gibt es aber kaum und Gehälter noch weniger. Frauen haben es besonders schwer, für sie hat sich das Rad der Geschichte in den letzten Jahren auch hier drastisch zurückgedreht, sie können zum Beispiel nicht ohne Burkha ausser Haus gehen. Die Burkha ist ein (traditionell afghanischer) Umhang, der den Kopf miteinschliesst es gibt nur ein kleines Gitter zum Schauen, frau sieht nicht sehr gut damit. Noch vor einigen Jahren wurde die Burkha nur von den älteren Frauen und am Land getregen. Frauen können auch nicht nach halb fünf auf die Strasse und sie dürfen keinesfalls mit Männern reden, die nicht zu ihrer Familie gehören. Eigentlich gibt es zwei soziale Welten, eine der Männer und eine der Frauen. Diese Welten sind weitgehend getrennt, wenn es die Grösse des Hauses erlaubt, gibt es sogar getrennte Besuchszimmer. Kommen Männer als Gäste, dann verschwinden die Frauen, sie sollen nicht gesehen werden. In kleineren Häusern dient die Küche als Raum der Frauen (no na), nur ist die meistens offen, als Rauchkuchl mit offenem Feuer, einst auch bei uns bekannt. Frauen besuchen Frauen, Männer die Männer. Der einzige soziale Rückhalt und die einzige verbliebene Sicherheit ist die Familie. Umso schrecklicher, besonders für die Frauen, wenn es diese nicht gibt. Und das kommt oft vor in diesem kriegsgeplagten Land, in dem Menschen fliehen müssen und viele Männer sterben. Gibts keine Verwandten mehr, dann droht die Obdachlosigkeit, besonders für Frauen ein gar nicht seltenes Schicksal. Im öffentlichen Waisenhaus von Faizabad leben neben den 103 Kindern auch dreißig Witwen und viele finden dort keine Unterkunft mehr, weil es keinen Platz gibt. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt. Es gibt kaum die Möglichkeit zur Geburtenregelung. Wenn von zehn Geburten eine der Mutter das Leben kostet und eine Frau so etwa acht bis zwölf Kinder hat, spricht das für sich. Kinder bis zum fünften Lebensjahr sind extrem gefährdet, Unterernährung, kalte Winter ohne Kleidung und Heizung, Malaria im Sommer und der Mangel an Impfungen oder sauberem Wasser fordert Tribut vor allem von den Kleinsten. Kinder sollten die Zukunft des Landes sein. Umso tragischer, dass es kaum Schulen gibt und die LehrerInnen (wie alle öffentlich Bediensteten) schon lange wenig oder gar kein Gehalt mehr kriegen. Der Unterricht ist damit den Mullahs überlassen. Die erste Generation der Analphabeten ist jetzt erwachsen, die nächste folgt.