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Die britischen Privatbahnen und der Markt:
Sicherheit ist doch nur Geldverschwendung
Nach dem letzten Unglück muss Labour die
Privatisierung der Londoner U-Bahn wohl aufs Abstellgleis schieben.
Von Pit Wuhrer.
WS307 Harrow & Wealdstone, London; MP332 Ardwick
Junction, Nr. Manchester; C0328 East Suffolk Junction; SN109 Ladbroke
Grove, London; W16 Waterloo, London ... "
Noch vor zehn Tagen wäre es keiner britischen Zeitungsredaktion
eingefallen, eine solch merkwürdige Liste zu veröffentlichen.
Seit Anfang Oktober jedoch, als Lokführer Michael Hodder bei
Ladbroke Grove das Signal SN109 missachtete und sein Vorortzug mit
einem entgegenkommenden Inter-City kollidierte, ist die Liste von
höchster Brisanz. Sie enthält die exakte Bezeichnung von
insgesamt 22 Signalanlagen auf dem britischen Schienennetz, die
in den letzten acht Jahren mindestens fünfmal überfahren
wurden, obwohl sie auf Rot standen. Ein Ausschuss, der die Ursachen
der Zugkatastrophe Anfang letzter Woche untersuchte, hat sie veröffentlicht
und damit Michael Hodder postum zumindest teilweise freigesprochen.
Nicht "menschliches Versagen" allein sei für den Unfall verantwortlich,
bei dem mindestens dreissig Menschen starben, sondern eine Reihe
von Faktoren, die sich zu einem "Systemfehler" addierten.
Aber ist es wirklich nur ein Fehler des Systems,
wenn jahrelang zahlreiche Klagen von Lokführern über das
nur schlecht einsehbare Signal SN109 ignoriert werden? Wenn alte
und leicht brennbare Waggons von ebenso alten Dieselloks mit entflammbarem
Treibstoff gezogen werden? Und wenn im Vorortzug von Thames Railways
jenes automatische Bremssystem fehlte, das schon nach dem Bahnunfall
bei Clapham (1988, 35 Tote) dringend empfohlen wurde? Der Untersuchungsbericht
hat insofern seine Vorzüge, als er nicht den Lokführer
zum Sündenbock stempelt. Aber er fällt weit hinter die
aktuelle Debatte in Britannien zurück: Denn dort wird seit
letzter Woche nicht mehr nur von "Systemfehlern" gesprochen - das
System selber sei der Fehler. Damit stehen die Privatisierungen
der alten und die Absichten der neuen Regierung im Mittelpunkt der
Debatte. Denn Labour schliesst nicht nur eine Wiederverstaatlichung
der Eisenbahnen aus - Tony Blair und sein Vize, der Transportminister
John Prescott, basteln seit längerem an einer Privatisierung
der Londoner U-Bahn, und zwar genau nach dem Muster, das die Tories
mit der Aufteilung von British Rail vorgegeben haben. Diese hatten
das Staatsunternehmen in hundert Einzelfirmen zerschlagen, die nur
noch ein Interesse kennen - das ihrer Shareholder. 25 Firmen betreiben
in verschiedenen Regionen - in denen sie grossteils weiterhin das
Monopol haben - den Zugverkehr auf dem Schienennetz des ebenfalls
privatisierten Unternehmens Railtrack, dem die Gleis- und Signalanlagen
sowie die Bahnhöfe gehören. Nach Prescotts Plänen
sollte Railtrack in nächster Zeit fünf Londoner U-Bahnlinien
übernehmen.
Dieses Vorhaben kann er im Moment aber vergessen. Denn nach dem
Unfall bei Paddington ist die Teilprivatisierung der "tube" politisch
nicht durchsetzbar.
Schon der Verkauf der Staatsbahn im Jahre 1996
war höchst unpopulär gewesen und hatte in nicht unerheblichem
Masse zu Labours Wahlsieg 1997 beigetragen. Denn innerhalb kurzer
Zeit produzierten die Bahngesellschaften (zum Grossteil im Besitz
von Busunternehmen) ein Chaos nach dem anderen. Zu den systembedingten
Mängeln (keine verlässlichen Auskünfte über
Abfahrtszeiten anderer Gesellschaften, miserabel abgestimmte Fahrpläne,
heilloses Durcheinander bei den Fahrpreisen) kamen zahllose Pannen.
Da verliert eine Lokomotive Waggons oder bleibt wegen Treibstoffmangels
liegen, da fehlen plötzlich Lokführer, weil bei der Schichtplanung
Züge vergessen wurden, da taucht in Fahrplänen auch mal
ein 35. März auf. Vor allem aber beunruhigte die mangelhafte
Sicherheit die Menschen.
Auch diese Kollision wäre vermeidbar gewesen. Doch die Tories
hatten es abgelehnt, die Bahnen auf die Einführung eines automatischen
Bremssystems zu verpflichten. Die Kosten hätten möglicherweise
ihre Privatisierung entgleisen lassen. Zudem hatte Railtrack einen
Aufwand in Höhe von rund 45 Millionen Franken "pro gerettetes
Leben" errechnet - das war dem Unternehmen zu viel.
Die Regierung hat nun Railtrack die Zuständigkeit für
die Bahnsicherheit entzogen. Dafür ist künftig ein unabhängiges
Gremium zuständig, das allerdings riesige Probleme haben wird:
Es muss die neuen Standards in einer Vielzahl von Unternehmen durchsetzen,
die keineswegs erpicht sind, Geld für solche Nebensachen wie
die Sicherheit auszugeben.
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