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Anarchistisches Beziehungsgeflecht

Innerhalb weniger Jahre ist das Internet zu einem zentralen Instrument der Wirtschaft, des Wissens und der sozialen Beziehungen geworden. Dennoch ist es nicht zwangsläufig das "Tor zur Souveränität".

Von Siegfried Mattl.

 

Von der Internet-Technologie wird behauptet wird, sie führe zur Ermächtigung der Individuen und zur Entmächtigung des Staates. Die Effekte nicht-regulierter Kommunikation können beachtlich sein: die Auflösung physischer Institutionen in virtuellen Unternehmen, die Ablöse des Citizen durch den Netizen, des Staatsbürgers durch den multiplen Adressaten elektronischer Nachrichten. Und - vor allem - die geänderte oder in starker Veränderung begriffene rechtliche Gestaltung der Codes, die den Zugang zum Informationsuniversum eröffnen oder verweigern können.

Das Internet entzieht sich einer einfachen Definition. Physisch besteht es aus dem weltweiten Verbund von elektronischen Informationskanälen und digitalen Computern, mit deren Hilfe Nachrichten unterschiedlicher Form gesendet, gespeichert und bearbeitet und wieder in Zirkulation gesetzt werden können. Logisch beruht es auf Programmen oder sogenannten "Protokollen", die den Datenaustausch regeln, und Sprachen, die - wie HTML für das world wide web - die Standard-Form der Information und ihre Zugänglichkeit festlegen. Provider, das heißt Firmen mit großen Rechner- und Leitungskapazitäten, bilden die Relais der globalen Freihandelszone, als die Bill Clinton das Internet propagiert hat. Geschichtlich ist es aus dem Netzwerk hervorgegangen, welches das US-amerikanische Verteidigungsministerium in den 60er und 70er Jahren aufgebaut hat, um die Verteilung von Rechnerkapazitäten zwischen Universitätsinstituten zu optimieren, die mit Verteidigungsprojekten befaßt waren.

Die zunehmende Inanspruchnahme für andere wissenschaftliche, später auch für kommerzielle Zwecke hat 1995 zum Verkauf der Kernbereiche des Arpanet an Hochtechnologiekonzerne und zur rapiden Ausdehnung der Nutzerkreise wie deren Aktivitäten geführt. Für die USA schätzt man, daß im Jahr 2000 35 Millionen oder ein Drittel alle Haushalte über einen Internet-Anschluß verfügen werden; vor einem Jahr registrierte man 30.000 E-Mail-lists, 30.000 Usenet-Discussioncubs und 23.000 Chat-Kanäle. Heute laufen die Interaktionen im Internet hauptsächlich über World Wide Web, E-Mail und Usenet. Interaktivität, Interoperabilität und universaler Zugang sind die wesentlichen Merkmale des Internet gegenüber herkömmlichen elektronischen Dienstleistungen wie dem Fernsehen, internen Netzwerken, und solchen mit reguliertem Zugang wie dem akademischen "Bitnet". Das Netz ist definitionsgemäß nicht-hierarchisch und dezentral, es existiert als anarchistisches Beziehungsgeflecht von Informationsknoten, die selbst wiederum nicht in linearen Pfaden erschlossen sind, sondern durch Hypertext-Strukturen und Suchmaschinen unterschiedliche Zugriffsmöglichkeiten bieten. Im Augenblick dominieren noch Textinformationen des Geschehen im Internet. Mit technischen Verbesserungen, namentlich dem Einsatz von Breitband-Datenleitungen, sowie der Entwicklung benutzerfreundlicher Oberflächen wird aber der Anteil akustischer und visueller Botschaften rasch zunehmen.

Gesellschaftspolitische Auswirkungen

Wenn wir über die gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Internet spekulieren, dann müssen wir vor allem diese technischen und operativen Veränderungen näher betrachten. Die meisten Prognosen gehen von der bevorstehenden Verschmelzung aller Telekommunikationsdienste in einem einzigen digitalen Computer mit hochauflöslichem Bildschirm aus, der durch intelligente Programmierung auf das Persönlichkeitsprofil seines Eigentümers, auf seine oder ihre Interessen an Sport, Politik oder Musik, seine oder ihre bevorzugten Zeitungs-Kommentatoren, Celebritäten oder Wissensgebiete abgestimmt wird.

Nur auf diese Weise wird es möglich sein, aus der gewaltig wachsenden Fülle des telematischen Informationsangebots sinnhafte Auswahlen zu treffen. Solche Selektionsprogramme finden sie heute schon in Form von "Ignore-commands", mit denen sich Chat-Groups gegen unwillkommene Gäste sichern, oder als Kinderschutz-Programm von Browsern wie AllWorld Explorer. Sind die "catch-all Medien" wie Massenzeitungen, regionale TV-Monopole oder Radio-Stationen mit grobrastrig strukturierter Hörerschaft erst einmal verschwunden, so werden sich die Produzenten und Händler materieller und symbolischer Güter spiegelgleich um die Kommunikation mit solchen individuellen "Profilen" und um extrem feine persönliche Datensätze bemühen.

Neuverteilung der Arbeit

Der Einsatz von numerisch kontrollierten Maschinen und elektronisch gesteuerten Prozeßverfahren hat die Massenproduktion von Konsumgütern grundlegend verändert. Unter dem Sammelbegriff "Postfordismus" versteht man aktuell die Produktion kleiner Stückzahlen in kooperativen Fabriksstrukturen, die ohne große Lagerbestände "just in time" und für den unmittelbaren Absatz gefertigt werden. Produktion und Konsumtion rücken zeitlich immer enger aneinander. Dem Internet nun wird das Potential zugesprochen, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage zu optimieren und den von einigen Richtungen der ökonomischen Theorie postulierten "idealen Markt" zu konstituieren, auf dem Produzent, Händler und Käufer jeweils über die vollständige relevante Information verfügen. Walter Forbes bringt in "The Future of the Electronic Marketplace" ein hypothetisches Beispiel dafür: es sollte in acht, zehn Jahren möglich sein, ein dreidimensionales Modell des eigenen Körpers an einen Internet-Zwischenhändler zu senden, der ihre Hose bei Lèvy Strauss ordert. Strauss wiederum würde italienische Designer mit Schnittentwürfen beauftragen, die, elektronisch übertragen, in einem kleinen Dorf nahe Jakarta aus Denim-Stoffen geschneidert würden, die parallel per E-Mail in kleinen Chargen bei chinesischen Vertragsfirmen bestellt worden ist. Binnen zehn Tagen würde eine Cargo der KLM ihre Hose zum nächsten Luftfracht-Knoten transportieren, wo sie nach weiteren digital optimierten Flugplänen ihren Weg fortsetzen könnte.

Durch den Verbund mit CAD*)-Systemen läßt sich das "electronic manufacturing" auf ziemlich viele Produkte ausdehnen, etwa auf Schier, auf Brillen oder Schuhe. Es ist augenscheinlich, daß erst dadurch sich die industrielle Revolution, die von den Mikrotechnologien ausgelöst worden ist, in all ihren Aspekten, einschließlich der globalen Neuverteilung der Arbeit, realisieren wird. Der Electronic Marketplace, den das Internet sich anschickt herzustellen, schließt aber neben Industriegütern auch Dienstleistungen ein.

Das Volumen des elektronischen Marktes wird für nächstes Jahr auf 200 Milliarden Dollar geschätzt - ein äußerst dynamischer Wert, der 1996 nicht höher lag als bei 15 Milliarden. Dabei kann es sich um Ergebnisse eines Verdrängungswettbewerb handeln, den beispielsweise "Cyber-Restaurants" gegen MacDonalds' führen werden, oder um Phänomene im Finanz- und Versicherungsbereich, die natürlich für die mit dem Internet verknüpften Rechtsfragen wesentlich dramatischer sind. Solche grenzüberschreitende Dienste können auch die nationale Gesetzgebung außer Kraft setzen.

Wells Fargo etwa sorgt derzeit unter kanadischen Juristen für Aufregung, da diese amerikanische Kommerzbank ohne Firmensitz ebendort Kredite für Klein- und Mittelunternehmen im Internet anbieten will, was theoretisch die kanadische Bankakte verletzt. Langfristig bedeutsamer werden aber die neuen Wege der Unternehmensgründung und -finanzierung sein, die im Internet selbst stattfinden. Gründungskosten der sogenannten "virtuellen Unternehmen" sind niedrig, zugleich steht mit dem Netz ein billiger Zugang zur globalen Kommunikation bereit, der nicht nur die Einführungskosten einer neuen Dienstleistung senkt, sondern auch für die Mobilisierung von Start-Kapital im Wege von "elektronischem Geld" benutzbar ist. Damit werden potentiell große Kapitalsummen an den Zentralbanken vorbei bewegt, die unter Umständen zur Bedrohung für die Stabilität nationaler Währungen werden können.

Internet-Probleme

Was sind die Krisenstellen, die durch das Internet hervorgerufen werden?

- Authentizität: Um Austauschakte gültig zu machen, braucht es eine Legitimation. Einige Staaten kennen zwar bereits eine digital signature, die durch einen persönlichen Code repräsentiert wird, doch lastet augenblicklich das Risiko meist bei den Klienten
- Aufrichtigkeit: Web Site Informationen müssen verbindliche und verläßliche Informationen enthalten. So wurde beispielsweise eine US-Luftlinie zu 14.000 Dollar Strafe verurteilt, weil sie ihre veralteten Tarifangaben nicht aktualisiert hatte. Die Gefahr ist unabweislich vorhanden, daß Defraudanten das Internet zum Anbot "fauler" Finanzdienste nutzen
- Vertragssicherheit: Internet-Transaktion beruhen auf Vertrauen. Manche Anbieter, auch im Bereich von Finanzdiensten, operieren mit simplen und für den Kunden kaum kontrollierbaren click-button-icons, um Schritt für Schritt das Einverständnis ihrer Klienten mit Geschäftsbedingungen herzustellen. Diese Vorgangsweise wird als höchst problematisch betrachtet
- Datensicherheit: Die Internet-Benutzer müssen sicher sein, daß persönliche Daten, die sie vor Dritten geheimhalten wollen, auch tatsächlich sicher sind. Technologisch ist diese Sicherheit nur durch Enkrypte oder Verschlüsselungen möglich, die wiederum vom Gesetzgeber mit Argumenten der Verbrechensvorbeugung abgelehnt wird
- Recht auf Privatheit: Internet-Benutzer setzen sich immer der Möglichkeit aus, zum Objekt von Beleidungen oder Belästigungen zu werden, ähnlich den Teilnehmern im öffentlichen Telefon

Das Netz hat aber die Gesellschaft bereits zu tief erfaßt, als daß regulative Eingriffe risikolos blieben. Einige dieser Veränderungen sollen hier stichwortartig und bewußt anhand exzentrischer Beispiele nachgetragen werden: In Großbritannien existieren heute vierzig Anbieter von "business continuity services", die auf Sicherung und Wiedereinspeisung der Computer-Daten großer Firmen spezialisiert sind. Der Schadensfall, sollte ein mittleres Unternehmer durch Sabotage, Terrorismus oder Katastrophen aus dem Netz geworfen werden, wird auf drei Millionen Schilling täglich geschätzt. Das davon bewirkte Sicherheitsdenken führt inzwischen zur Auslagerung von Konzernzentralen aus den städtischen Zentren und zur globalen Neuverteilung hochwertiger Dienstleistungen. In der Politik zeigen sich ebenfalls neue, ambivalente Phänomene. Parole Watch zum Beispiel ist ein Internet-Gruppe, die zur Überwachung der amerikanischen Strafpolitik gegründet worden ist. Sie protokolliert Fälle vorzeitiger Entlassungen und setzt diese selektiv dokumentiert mit Angaben zu Person und Verbrechen des Delinquenten und zu dessen möglichen künftigen Aufenthaltsort in Umlauf. Parole Watch versucht damit die offizielle Strafpolitik zu unterlaufen, was besonders problematisch in jenen Fällen ist, in denen sie frühere Opfer beziehungsweise deren Familien gezielt kontaktiert.

Besonders exponiert ist naturgemäß der Mediensektor, der vom Matt Drudge-Faktor gestresst wird. Matt Drudge ist der Herausgeber eines on-line Reports, der die Affäre Clinton-Lewinsky produziert hat. Die hinlänglich bekannten Ereignissen nahmen ihren Ausgang von einer Information im Drudge-Report, daß Newsweek eine Geschichte unter Verschluß hielte. Drudge konnte Gerüchte und Spekulationen in die Welt setzen, an die wieder die Clinton-Gegner risikolos anknüpfen konnten, weil, und das ist der Punkt, für Internet-Informationen die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des Journalismus, vor allem die Gebote der Recherche und des Gegenchecks nicht gelten.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Möglichkeit, im Netz wechselnde Identitäten anzunehmen, erhöht das Potential von herrschaftsfreier Kommunikation. Es überspringt Barrieren der geschlechtlichen oder herkunftsmäßigen Diskriminierung. Und es ermöglicht die Zirkulation von Expertisen und Meinungen, die auch sonst marginalisierten Gruppen der Gesellschaft ein effektives Forum aufzubauen möglich macht. Aber es gibt nicht per se das Tor frei zu Souveränität und Selbstgesetz, sondern wirft neue Entscheidungsprobleme auf.

 

*) CAD = Computer Added Design, d. h. Entwerfen und Gestalten mit Computerunterstützung

zum Autor: Univ.-Doz. Dr. Siegfried Mattl ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte in Wien.