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Kurve, scharf rechts
Die Budgetrede Grassers hat's in sich. Die neoliberale
Beschleunigung der Wirtschaftspolitik alleine reicht ihm nicht,
er will mehr: eine neue österreichische Schule der Nationalökonomie
soll Grassers Ideen die wissenschaftliche Basis dafür bieten.
Von Markus Koza.
Der Finanzminister hat gesprochen: Er sieht in der Finanz-
und Wirtschaftspolitik der Regierung einen "grundlegenden Paradigmenwechsel",
er möchte die "Globalisierung als Chance für unser Land
nützen und nicht Mauern rund um Österreich bauen". Er
steht für eine "liberale und faire Marktwirtschaft ... Wettbewerb
und Konkurrenz als positive Herausforderungen, um tagtäglich
die eigenen Leistungen zu verbessern". Die "Lösung vieler Probleme
unseres Landes" sieht die Regierung in "weniger staatlichem Dirigismus
und mehr marktwirtschaftlichen und privaten Initiativen" im Abbau
von Regulierungen in Form von "Geboten und Verboten" sowie in "weniger
Indifferenz bei der Verteilung von Sozialleistungen und mehr sozialer
Gerechtigkeit für die wirklich Bedürftigen". Österreich
soll zum "wirtschafts- und sozialpolitischen Modellfall ... inmitten
eines gemeinsamen Europa" werden. Und dann fordert er einen Bruch
mit einem "falsch verstandenen Keynesianismus" der als Austrokeynesianismus
"als Vorwand für eine gewaltige Staatsverschuldung gedient
hat" und will "das Land wieder von den Schulden befreien". Um das
den Menschen, die hier leben, auch nachdrücklich in die Hirne
einzuhämmern, braucht es nicht nur eine zigmillionenschwere
Kampagne der Regierung zum Nulldefizit, sondern auch wissenschaftliche
Flankendeckung in Gestalt "einer neuen Schule der österreichischen
Nationalökonomie", die die neoliberale Radikalkur auch noch
theoretisch untermauert.
Der blaue Erlöser
Grasser, der große Befreier. Er führt das schuldengeplagte
Österreich ins Nulldefizitparadies. "Wir haben unser Land mit
mehr als zweitausend Milliarden Schilling an Schulden übernommen",
behauptet er, um dann noch darauf hinzuweisen, daß "alle Österreicherinnen
und Österreicher ... jeden Tag mehr als 680 Millionen Schilling
an Zinsen und Tilgung" zu bezahlen hätten, "gigantische 250
Milliarden Schilling im Jahr". Schließlich rechnet Grasser
noch weiter und beziffert - ganz auf Vertretung des kleinen Mannes
eingestellt - den Mehrverdienst der österreichischen ArbeitnehmerInnen
auf siebentausend Schilling im Monat, "hätte man nicht dreißig
Jahre lang eine derart unsoziale und unverantwortliche" Schuldenpolitik
betrieben. Er ist nun gezwungen aufzuräumen, und Österreich
zum EU-Musterland umzumodeln. Zwei Prozent Neuverschuldung sind
zuviel, diese würden zu einer "deutlichen Schwächung des
Wirtschaftsstandortes, rückläufigem Wachstum" etc. führen,
kurz zum Ende der Zivilisation führen. Da saniert er lieber
heute, damit morgen "73 Milliarden Schilling für Familienleistungen"
geleistet werden können. Und das alles geht natürlich
sozial gerecht, werden doch "Einkommen unter 30.000 Schilling brutto
... Pensionisten unter 20.000 Schilling brutto nicht belastet".
Und gespart wird vor allem auf der Ausgabenseite: nämlich gleich
62 Prozent, und 2002 sogar siebzig Prozent von neunzig Milliarden
Sanierungsnotwendigkeit werden auf der Ausgabeseite eingespart,
38 Prozent beziehungsweise dreißig Prozent werden über
die sattsam bekannten "Anpassungen" aufgebracht.
"Schwachsinn, Unsinn, Unwahrheiten, Quatsch"
So kommentierte der Grüne Klubobmann Alexander van der Bellen
die Rede von Grasser zum blau-schwarzen Budgetentwurf. Und er sieht
tatsächlich nicht nur einen, sondern gleich drei Paradigmenwechsel:
- Für van der Bellen ist die Finanz- und Wirtschaftspolitik
eine "Koalition aus Xenophobie und Wirtschaftsfeindlichkeit" insbesondere
die Ablehnung von Zuzug von ComputerexpertInnen seitens der FPÖ
sowie ein Einverständnis dazu nur unter der Bedingung, daß
die Zuwanderung zulasten der Familienzusammenführung gehen
sollte, sieht der Grüne als Indiz dafür.
- Den zweiten Paradigmenwechsel sieht van der Bellen in der "Schwächung
der Position der ArbeitnehmerInnen". Er sieht in den Sozialabbaumaßnahmen
ein "strategisches Ziel", nämlich die "Schwächung der
Verhandlungsposition der ArbeitnehmerInnen". Die geplante Schwächung
der Arbeiterkammern durch die geplante Kürzung der AK-Umlage
wurde von ihm schon des öfteren als zentralen Baustein der
autoritären Wende zu Lasten der ArbeitnehmerInnen scharf kritisiert.
- Als dritten Punkt des Paradigmenwechsels sieht der Klubobmann
die "Machtübernahme kleinkarierter Buchhalter in der Budgetpolitik"
statt ökonomischer und bildungspolitischer Orientierungen.
Man/frau kann ihm nur Recht geben. AK und ÖGB haben oft genug
die tatsächlichen Belastungen der Haushalte und ArbeitnehmerInnen
berechnet: die zusätzliche Gesamtbelastung für ArbeitnehmerInnen
(und PensionistInnen) beträgt 2001 schon 33 Milliarden Schilling,
die sich in den Folgejahren auf 35,4 und 42 Milliarden erhöhen.
Umgekehrt reduzieren sich die Belastungen für die Unternehmen
und Selbständigen von 7,3 Milliarden 2001 über 6,6 Milliarden
2002 auf Entlastungen in der Höhe von 3,1 Milliarden 2003.
Derartige Maßnahmen laufen bekanntlich unter dem Titel Umverteilung
von "unten nach oben". Grasser sieht das etwas anders: er sieht
die Belastungen für ArbeitnehmerInnen bei 10,5 Milliarden,
für Haushalte bei 3,5 Milliarden, bei PensionistInnen bei vier
Milliarden. Alle Anpassungen 2000 sind vergessen, die Einkommen
unter Schilling 30.000 werden ja bekanntlich auch nicht belastet.
Van der Bellen dazu: "Das ist offensichtlicher Unsinn!".
Neoliberaler Wettbewerbsstaat
Einen vierten Paradigmenwechsel kann man/frau ebenfalls feststellen:
auch wenn die van der Bell'schen Punkte Zwei und Drei durchaus unter
diesem einzuordnen sind, muß der Umbau des bisher neoliberalisierten
Wohlfahrtsstaat zum neoliberalen Wettbewerbsstaat besonders betont
werden. Ein gutes Beispiel dafür: die Halbierung des Arbeitnehmerabsetzbetrages
für den Fall keiner privaten Pensionsvorsorge (betrifft bekanntlich
auch die Einkommen unter 30.000 Schilling). Der Finanzminister sagt
auch klar was er will: den "Übergang zu einem Mehrsäulenmodell",
nämlich die Ergänzung der beitragsfinanzierten staatlichen
Pension, die ja systematisch krankgeredet und reduziert wird durch
"eine kapitalgedeckte Zusatzpension", die quasi als neue Sparform
mit hoher Verzinsung (eben die andere Hälfte des Arbeitnehmerabsetzbetrages)
angepriesen wird. Wie hoch der jährliche Betrag liegt, der
privat vorgesorgt werden muß, ist nicht eindeutig, liegt jedoch
irgendwo zwischen zirka 13.000 und 20.000 Schilling jährlich.
Was mit den gewaltigen Massen an Geldern passiert, die in private
Pensionsfonds strömen, ist allgemein bekannt: Veranlagung auf
den Kapitalmärkten auf der Suche nach den höchsten Renditen,
Druck auf die ArbeitnehmerInnen über die Forderung nach höheren
Aktienkursen seitens der FondsanlegerInnen, Rationalisierungsdruck,
Abbau von Sozialleistungen etc. Die privaten PensionssparerInnen
werden dadurch als "kleine" AktionärInnen Rationalisierungsopfer
ihrer eigenen Pensionsvorsorge. Marktwirtschaftliche Brutalität
und sozialpolitische Absurdität in Reinstkultur. Argumentiert
wird diese Maßnahme unter anderem damit, daß mit der
"umlagefinanzierten Pensionsversicherung ... gewaltige Lasten auf
die künftigen Generationen verschoben werden würden" und
damit die "Nachhaltigkeit des Systems" gesichert werden könnte.
Entsolidarisierung per excellance, die den Generationenvertrag an
sich in Frage stellt. Privatisierungsmaßnahmen - wie der Restverstaatlichten
und der Bundesforste gehören ebenso zum neoliberale Menü
wie natürlich auch die "soziale Treffsicherheit" nicht fehlen
darf. Was unter sozialer Gerechtigkeit für die "wirklich Bedürftigen"
verstanden wird ist inzwischen nur allzugut bekannt: Ausdehnung
der Wartefristen bei Arbeitslosigkeit, Senkung der Ersatzrate, Besteuerung
der Unfallrenten, Studiengebühren, etc. Im Gegenzug werden
garantiert treffsicher den wirklich bedürftigen Unternehmen
ab 2003 Steuer- und Lohnnebenkostensenkungen in den Bereichen der
Arbeitslosenversicherung, des Insolvenzlastenausgleichsfonds und
der Unfallversicherung versprochen.
Österreichische Schule der Nationalökonomie
Ach ja, zum Stichwort Studiengebühren sei noch kurz ein interessanter
Punkt erwähnt. Die Industriellenvereinigung (IV) hat ihr Herz
für Studierende entdeckt. Sie, die regelmäßig Studiengebühren
verlangt und jetzt auch bekommen hat, wird diese sozial abfedern.
Schreiben nämlich StudentInnen Diplomarbeiten, die für
die IV verwertbar sind, bekommen sie a bisserl was dafür. Wenn
dann noch der Industrielle Prinzhorn sich mit seiner Forderung nach
mehr Wirtschaft und weniger Kultur in den Schulen durchsetzt und
diese von linken Elementen, die sich immer noch LehrerInnen bezeichnen
dürfen, befreit ist, dann haben wir sie wohl endlich, die neue
Schule der österreichischen Nationalökonomie, die mit
dem verstaubten Austrokeynesianismus aufräumt und Lobeswerke
auf den neuen Ökonomieguru Grasser und sein sozial treffsicheres
Nulldefizit schreibt. Daß dieser von Ökonomie nicht allzuviel
verstehen dürfte, geht aus seiner Rede zwar recht klar hervor,
dennoch, einer der so schön ist, kann nicht irren. So sprach
er von zweitausend Milliarden Schilling Staatschulden: bei einem
BIP von 2689 Milliarden Schilling 1999 würden das beinahe 74,4
Prozent Staatsverschuldung ausmachen. Eigenartig: denn die Zahlen,
die von Grassers Finanzministerium (Budgetprogramm 2000-2003, Juli
2000), sprechen da ganz andere Bände. Hier wird die Schuld
des Bundes mit 1623,4 Milliarden Schilling angegeben, also rund
60,4 Prozent des BIPs, die gesamtstaatliche Verschuldensquote liegt
hier bei 64,9 Prozent - der EU-Zahl. Also, woher stammen Grassers
Zahlen? Sind da schon die ökonomischen SchülerInnen neu
am Werk? Und wenn Grasser behauptet, die Staatsverschuldung koste
den österreichischen ArbeitnehmerInnen monatlich siebentausend
Schilling, dann nimmt er scheinbar an, "daß das Bruttoinlandsprodukt
und das Volkseinkommen von den öffentlichen Investitionen und
der aktiven Konjunktur- undWachstumspolitik der letzten dreißig
Jahre völlig unabhängig ist" (SPÖ). Wenn dann ein
Finanzminister aber auch noch Zinszahlungen und Tilgungszahlungen
(Rückzahlung der Staatschuld, die de facto nicht passiert und
auch über Umschuldungsprogramme das Budget nicht belastet)
vermischt, dann wird's wirklich "neu österreichisch ökonomie-schulisch".
Da war dann einer zu lang bei Magna und zu kurz in Ökonomie
und Finanzwissenschaftsseminaren. Um Finanzminister in Österreich
zu werden reicht dies scheinbar allemal. Denn immerhin: fesch ist
er.
p.S.: Der Chef der Italienischen Rechtsextremisten,
Roberto Fiore ("Die Sozialgesetze der Faschisten waren beispielhaft"),
begrüßt in einem Interview mit dem Standard (Montag,
30. Oktober 2000) ausdrücklich "Maßnahmen wie Kindergeld
und Familienförderungen", wie sie von der blau-schwarzen Regierung
geplant sind. Seine Partei, die Forza Nuova, deckt sich in drei
wesentlichen Punkten mit dem Programm Haiders und damit der FPÖ,
nämlich "in der nationalen Frage, bei der Bekämpfung des
Geburtenrückgangs und beim Ausländerproblem". Stolz darf
sein, der solche Freunde hat.
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